Spieglein, Spieglein.

Du stehst vor dem Spiegel und siehst, wie die ersten grauen Haare sich den Weg aus deiner Kopfhaut bahnen. Erst tust du es noch lachend ab, aber ein paar Tage später fällt dir auf, dass die Haut um deine Augen plötzlich Knitterfalten zeigt. Du versuchst dich daran zu erinnern, wann deine Haut noch glatt und jung gewesen ist, aber es fällt dir nicht mehr ein.

Stattdessen erinnerst du dich. Du erinnerst dich, an die großen und kleinen Katastrophen deines Lebens. An die ersten Schritte, das erste Wort, die große Kindergartenliebe, an Tage im Garten oder auf dem Spielplatz und deine Einschulung. An beste Freundschaften und Gesichter, so viele Gesichter und die Hälfte aller Namen – oh Schreck – hast du tatsächlich schon vergessen. Du erinnerst dich an deinen ersten Urlaub, an Ferien im Freibad und deinen ersten richtigen Kuss. Klammheimlich und kichernd, ein Tanz auf deinen Lippen.

Und darauf folgten viele weitere Tänze. Die erste Party, bei der du wach warst bis zum Morgengrauen. Die erste große Liebe. Dein erstes Mal. Die nächste große Liebe. Dazwischen Freundschaften und Familienfeiern, Abschiede, Beerdigungen, Verlust. Das erste Auto. Ein Abschluss, dann noch einer. Die erste eigene Wohnung. Erste zaghafte Schritte in einer großen Welt, die beängstigend und aufregend zugleich ist.

Und dann stehst du vor dem Spiegel und fragst dich, wo die Zeit geblieben ist. Hast du nicht gestern noch deine Deutschhausaufgaben gemacht und an dem Bleistift gekaut, mit dem du nun deine Einkaufslisten schreibst? Haben dir nicht gestern noch die Schultern vom Sport wehgetan und heute ächzen sie von der Verantwortung, die auf ihnen lastet?

Streng dich an. Mach was aus deinem Leben. Sei erwachsen. 

Du musst jetzt Miete überweisen und einkaufen, damit du nicht am nächsten Tag ohne Klopapier dasitzt. Du musst dein Badezimmer selbst putzen und den Abwasch machen, weil sich das dreckige Geschirr bis zum Himmel stapelt, wenn du es nicht tust. An Geburtstagen sitzt du jetzt nicht mehr am Kindertisch, du stehst nicht mehr früher auf, um zu spielen, nein, du bleibst sitzen und redest über Themen, die dich früher nicht die Bohne interessiert haben.

Irgendwann wird ein Tag kommen, an dem dir die Verantwortung zu schwer vorkommt. An dem du weinst und dir wünschst, wieder Kind zu sein, weil damals alles noch so viel leichter gewesen ist.

Aber dann stehst du vor dem Spiegel und betrachtest dich mit anderen Augen. Die grauen Strähnen in deinem Haar sind jetzt ein Zeichen von Weisheit. Die Knitterfalten um deine Augen sind die Erinnerung an lautes Gelächter und strahlenden Sonnenschein.

Und so sehr du dir manchmal wünschst, die Verantwortung abzugeben, genießt du es doch insgeheim, dass dein Leben jetzt deins ist. Dass du rebellieren und eben mal drei Tage lang keinen Abwasch machen kannst. Oder alle in den Wahnsinn treibst, in dem du deine Karrierepläne von heut‘ auf morgen über den Haufen wirst. Dein Leben gehört dir, mit all den traurigen und schönen Momenten, mit all den Träumen und Hoffnungen, die dich Tag für Tag begleiten, und den Erinnerungen, die du hüten musst wie einen Schatz, damit du sie nicht eines Tages vermisst.

Wenn du dich morgen vor den Spiegel stellst, denk nicht darüber nach, wie schnell du erwachsen geworden bist. Nimm dir stattdessen eine Leinwand, eine imaginäre, und mal‘ ein Bild von all den Möglichkeiten, die sich dir plötzlich eröffnen. Von der Tür, die dein Alter geöffnet hat.

Sei kreativ. Mach dein Leben bunt. Und werde glücklich.

– Kim

6 Gedanken zu „Spieglein, Spieglein.

  1. Jenni sagt:

    Liebe Kim!

    Endlich komme ich auch einmal dazu, hier zu kommentieren (bei den anderen Beiträgen wird das auf jeden Fall noch nachgeholt, du bist einfach zu schnell für mich): Wunderschöner Text, wirklich! 🙂

    Man meint zwar, dass das auch ein bisschen aus der Perspektive einer Mittdreißigerin geschrieben sein könnte, aber: Haargenau die Gedanken hatte ich in letzter Zeit ebenfalls – man beginnt doch auch (und gerade!) mit Mitte Zwanzig so furchtbar sentimental zu werden, vor allem, wenn bald der Einstieg ins Berufsleben ansteht, der einen so richtig und unwiederbringlich endgültig vom Kindertisch entfernt und von dem unschuldig-abenteuerlichen Alltag von früher abkapselt. Diesen riesigen Packen an Verantwortung sich selbst gegenüber, der da auf einen zurauscht, gerecht zu werden, kann einen (bei genauer Überlegung) wirklich an den Rand des melancholischen Philosophierens bringen.

    Von daher finde ich es klasse, dass dein Text da so ein schönes, ausgeglichen-positives Gegenbild entwickelt: Alle Phasen im Leben sind schön. Und – ganz ehrlich? – jetzt geht es doch erst so richtig los. Lassen wir die Teller sich zur Decke stapeln! 😉

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Jenni,

      endlich komme ich dazu deine Kommentare zu beantworten. Die sind nämlich allesamt im Spam-Ordner gelandet, von dem ich bis gerade nicht einmal wusste, dass es ihn gibt. 😀

      Mich überrascht es ein bisschen, dass viele Gleichaltrige so denken. Aber es muss wohl wirklich damit zutun haben, dass wir bald ins Arbeitsleben starten und das erste Viertel unseres Lebens quasi um ist. Auch wenn da (hoffentlich!) noch viel kommt – die entspannte, schöne Zeit ist jetzt irgendwie vorbei. Und das kann ja schon mal sentimental werden lassen. 😀

      Aber ja, du hast Recht. Da kommen jetzt noch jede Menge aufregende Sachen auf uns zu. Hochzeiten, Kinder, Urlaube, richtig Kohle verdienen und und und. Das wird sicher ’ne tolle Zeit – und graue Haare können wir ja auch färben… 😉

      Liebe Grüße
      Kim

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