Habe ich verlernt, das Lesen zu genießen?

Regalboden für Regalboden gehe ich die Bücher durch, die ich irgendwann mal so dringend haben wollte. Ich lasse meine Finger über die Buchrücken gleiten, ziehe ab und an ein Buch hervor, betrachte liebevoll das Cover und lese vielleicht noch einmal den Klappentext. Und ganz vielleicht lese ich die erste Seite …

… und dann stelle ich das Buch doch wieder ins Regal und beginne mein Spiel von vorne, bis ich schließlich ohne Buch ins Bett gehe und stattdessen noch zwei-drei Blogartikel oder ein paar Seiten in einem meiner Ratgeber lese.

Eine ganze Weile habe ich mich über meine Bücher definiert. Ich habe einen Buchblog geführt, Rezensionen geschrieben, Neuzugänge gezeigt und wollte immer mehr, mehr, mehr, um bloß dazuzugehören und mitreden zu können. In manchen Monaten habe ich zwanzig Bücher gelesen, in manchen waren es „nur“ sieben und mittlerweile sind es vielleicht zwei. Das macht mich ein bisschen traurig, immerhin waren Bücher mal mein Leben und ich kann nicht so ganz nachvollziehen, wieso sie das plötzlich nicht mehr sind. Deshalb also dieser Artikel, Ursachenforschung sozusagen. Vielleicht findet sich ja jemand, dem es ganz genauso geht.

Ich bin nicht meine Bücher.

In den letzten Monaten habe ich mich viel mit Minimalismus und Zero Waste Living auseinandergesetzt. Ich habe angefangen, bewusster zu konsumieren und die Sachen loszulassen, die mir nichts oder nicht viel bedeuten. An denen ich keine Freude habe. Im Zuge meiner Ausmistwut habe ich auch gelernt, dass ich mich nicht über meinen Besitz definiere. Das gilt natürlich auch für meine Bücher.

Wenn ich jetzt überlege, was früher alles in meinem Regal stand, wird mir klar, dass ich immer gedacht habe, meine Bücher würden mich ausmachen. „Du bist, was du liest“ – das war meine Einstellung. Und deshalb habe ich meine Regale mit Büchern gefüllt, die ich lesen wollte. Von denen ich geglaubt habe, sie lesen zu müssen, weil sie aus mir einen besseren, intelligenteren, amüsanteren, x (hier kannst du ein beliebiges Adjektiv einsetzen) Menschen machen würden.

Aber schauen sich meine Gäste wirklich mein Regal an und denken „Wow, die hat den und den Klassiker gelesen, die muss wirklich Ahnung haben“ oder „Ähh, die liest echt Vampirromane. Steht die auf glitzernde Vampire?“ – nicht wirklich. Die meisten meiner Gäste sagen höchstens „Hast du die alle gelesen?“ – Was mir übrigens ziemlich peinlich ist, denn darauf muss ich antworten: Nein, habe ich nicht. Ich bin bloß meinem Sammelwahn gefolgt, bis meine Regale aus allen Nähten geplatzt sind. Um mir dann darüber klar zu werden, dass es anderen furzegal ist, was ich lese und wie mich meine Lektüre prägt.

Meine To-Read-Liste zum Anfassen.

Nachdem mir bewusst wurde, dass ich die Hälfte meiner Bücher nur gekauft habe, um besser, intelligenter, amüsanter, x zu werden, habe ich oft vor meinen Regalen gestanden und in mich hineingehorcht. Dabei musste ich ziemlich schnell feststellen, dass all die Bücher, die ich da jahrelang gehortet und gehütet habe wie einen Schatz, sich nur noch anfühlen, wie eine niemals endende To-Read-Liste. Will ich die wirklich alle noch lesen? Will ich nicht lieber wieder auf der Spitze des Bergs stehen, statt unter all dem Geröll begraben zu sein? Mir mein Buch erst dann kaufen, wenn ich es wirklich und zu 100% lesen will (und nicht, weil es gerade ein Schnäppchen war)?

Diese ganzen ungelesenen Bücher haben mich gewaltig unter Druck gesetzt. Ohne einen einzigen Neuzugang hätte ich bestimmt vier Jahre Lesestoff gehabt – da wundert es mich nicht, dass mich das schlechte Gewissen gepackt hat, wenn ich lieber den Fernseher einschalte oder ein paar YouTube-Videos schaue.

Zeit ist Geld und Qualität ist eben doch wichtig.

Mittlerweile bin ich ein viel beschäftigter Mensch. Ich bin nicht nur noch Studenten und Buchbloggerin. Ich bin Autorin und Katzenmama, beste Freundin und Verlobte, immer interessiert daran, mich selbst fortzubilden und meinen Content zu optimieren. Ich habe Ziele und Pläne, die Zeit erfordern. Zeit, die ich nicht mit langweiligen Geschichten verbringen will. Wenn mich ein Buch nicht packen kann, wieso sollte ich es dann zu Ende lesen? Das war schon immer meine Einstellung. Bis vor kurzem habe ich den Büchern aber wenigstens 50 Seiten gegeben, um mich zu überzeugen. Wenn sie es bis dahin nicht geschafft haben, kamen sie meistens weg.

Mittlerweile schaffe ich es in kaum einem Buch über 50 Seiten hinaus, weil ich einfach keine Lust mehr habe, meine kostbare Zeit mit Dingen zu verplempern, die kein 100% „JA!“ von mir bekommen. Das stört mich selbst total, weil ich genau weiß, dass mindestens die Hälfte aller Bücher in meinem Regal, nicht über 80% hinauskommen. Früher habe ich solche Bücher trotzdem genießen können, heute rege ich mich über jede Kleinigkeit auf und klappe das Buch sobald wie möglich wieder zu, ohne zu verstehen, wieso zum Henker ich kaum noch ein Buch beenden kann.

Die Qual der Wahl.

In einem Regal voller 80%-und-weniger-Bücher die Bücher zu finden, die mich wirklich überzeugen und packen können, ist eine Aufgabe, die ich mir mittlerweile kaum noch zutraue. Erst fühlte es sich an, als würde ich immer die falschen Bücher auswählen. Nun habe ich zumindest die ganz falschen Entscheidungen aussortiert, aber ein Problem bleibt trotzdem: Die Wahl zwischen schier unendlichen Möglichkeiten führt meistens dazu, gar keine Entscheidung mehr zu treffen. Ich bin oft überfordert damit, zu viel Auswahl zu haben. Das fängt beim Pizzaservice an (nehme ich Pasta oder doch lieber Pizza? Und wenn ja, welche? Hint: Ich nehme fast immer die selbe Sorte Pasta oder Pizza) und endet eben vorm Bücherregal. Ich kann mich nicht entscheiden, weil so viele tolle Bücher auf mich warten. Und wenn ich mich dann doch entschieden habe, beende ich kaum mehr ein Buch, weil ich zwischendurch noch zehn andere anfange, und dann das Interesse verloren habe.

Geschichten mit Bedeutung.

Plötzlich stelle ich fest, dass sich meine Genre-Vorlieben verschieben, dass ich keine Lust mehr auf 0815-Liebesdramen habe, die doch irgendwie alle gleich sind. Fantasygeschichten, die bestenfalls ein origineller Abklatsch von großartigen Werken sind, oder Dystopien, der Graus schlechthin für die eigentliche Vielfalt von Literatur … Ich habe die Nase voll davon. Ich bin müde von immer den gleichen Geschichten, immer den gleichen perfekten Protagonisten, den gleichen Dramen und Problemen – wann ist Unterhaltungsliteratur zu einem solchen Einheitsbrei geworden? Werden heute nur noch Bücher auf den Markt gebracht, die auf eins der beiden Extreme Massenkonsum und hohe Literatur zugeschnitten sind? Was ist mit den Büchern dazwischen? Mit Geschichten, die genießbar, aber trotzdem irgendwie bedeutsam sind? Gibt es die heute überhaupt noch, diese raren Schätze, von denen man auch in zwanzig Jahren noch sagt, sie hätten das Leben geprägt?

Oder liegt es doch an mir? Bin ich einfach nur zu blöd, um Bücher zu kaufen? Falle ich ständig auf Bestseller-Listen und Empfehlungen anderer herein, so dass mir die Bücher entgehen, die ich mir eigentlich in meinem Regal wünsche? Vielleicht sind das einfach nicht mehr meine Themen, vielleicht bin ich auch ganz einfach übersättigt mit Liebesromanen und Jugendbüchern. Vielleicht – das flüstert zumindest die Stimme in meinem Hinterstübchen – bin ich auch einfach erwachsener geworden.

Die Lösung für mein Problem …

… habe ich noch nicht gefunden. Aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Während ich momentan fast nur Blogartikel und Ratgeber lese, mich dabei über die wenige fiktionalen Bücher aufrege, die ich angefangen habe, habe ich mein Bücherregal Stück für Stück ausgemistet. Ich habe jedes Buch in die Hand genommen und mich gefragt: Macht mich dieses Buch glücklich oder fühle ich mich unter Druck gesetzt? Alles, was mich unter Druck gesetzt hat, ist ziemlich konsequent rausgeflogen.

Da war das Geschrei von Mr Kunstwerk anfangs ziemlich groß. So viel Geld hast du in die Bücher investiert, hat er gesagt oder Das habe ich dir doch mal geschenkt oder Willst du das wirklich nicht mehr lesen? Ja, ja und ja. Ich weiß. Ich bin auch traurig um das Geld, um die ganze Verschwendung und die Geschichten, die mir vielleicht entgehen. Und ich ärgere mich. Darüber, dass ich mich so sehr von dieser Sammelwut mitreißen lassen habe. Dass ich es nicht besser gewusst habe und auf einem Haufen voller Bücher saß, die mich mittlerweile null interessieren. Aber what’s done, is done und was übrig bleibt ist Schadensbegrenzung. Jetzt kann ich nur noch verkaufen, verschenken, selber lesen und neue Ufer erkunden – in der Hoffnung, dass mir das Lesen bald wieder Spaß macht.

Nach dem Schreiben des Artikels bin ich übrigens genauso schlau wie vorher – ich bin neugierig, ob ihr das Problem kennt und was ihr dagegen tut? Schreibt mir unbedingt einen Kommentar oder vielleicht sogar einen Blogbeitrag zum Thema, damit wir ein bisschen diskutieren können! Ich für meinen Teil halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

– Kim

Übrigens lese ich gerade:

  • Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro – Wieso gewinnt sowas einen Preis? Das Thema Verdrängung ist zwar interessant, aber das Buch ist grauenvoll geschrieben (ja, ich Literaturbanause…). Edit: Nachdem wir heute im Seminar zu Ende drüber gesprochen haben, habe ich das Buch ‚aus Versehen‘ im Zug liegen lassen …
  • Verliebt in Mr Daniels von Brittainy C. Cherry – Ich hab mich so sehr auf dieses Buch gefreut und bin total enttäuscht, weil es wie ein Abklatsch der Liebesgeschichte von Aria und Mr Fitz aus Pretty Little Liars auf mich wirkt.
  • Reicher als die Geissens von Alex Düsseldorf Fischer – Das Buch taugt wenigstens was. Sehr lehrreich, aber nichts fürs Bett. Die erste Auflage verschenkt er übrigens gerade (und das hier ist kein gesponsorter Beitrag, sondern eine ernst gemeinte Empfehlung) – nur das Porto muss man selbst tragen! Wer sich von seiner Person überzeugen möchte, kann den dazu passenden Podcast beim Smart Entrepreneur Radio mit Matthew Mockridge hören – darüber bin ich auch auf Alex Fischer aufmerksam geworden.
  • Leave Your Mark von Aliza Licht – Kann ich nur empfehlen, wenn ihr einen Karriere-Ratgeber sucht, der mal nicht 0815 ist. Super geschrieben und total motivierend! (Warum es das Buch immer noch nicht auf deutsch gibt, kann ich echt nicht nachvollziehen – aber das Englisch ist einfach, ihr müsst keine Profis sein!)
  • und noch ein paar weitere, die aber erstmal wieder im Regal gelandet sind …

18 Gedanken zu „Habe ich verlernt, das Lesen zu genießen?

  1. Jenni sagt:

    Liebe Kim!

    Wir müssen uns dringend mal öfter unterhalten, finde ich.
    Ich habe ernsthaft schon seit Monaten einen Artikel im Entwurfordner, der sich haargenauso liest wie deiner – mit dem Theater von Mr. Grünzeug, der Überlegung, was ich eigentlich an diesen Dingen finde und warum ich mich von meiner Büchersammlung trenne. Haargenau dasselbe!
    Gestern habe ich allerdings erst vernünftige Fotos dafür machen können, sodass der Beitrag erst im Laufe der nächsten Zeit irgendwann online geht – dann wirst du aber auf jeden Fall verlinkt! 🙂

    Ich freue mich riesig, dass du diese tolle Entwicklung durchgemacht hast und immer noch dabei bist!

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Jenni,
      unbedingt! Ich glaube, nach der Lektüre dieses Artikels hat Mr. Kunstwerk verstanden, wieso ich plötzlich so radikal aussortiere (auch wenn er es immer noch schade findet … genauso wie ich natürlich).
      Ich bin gespannt auf deinen Beitrag und auf deine Fotos. Kommentier mit dem Link doch auch nochmal hier, damit meine Leser deinen Beitrag dann auch finden können. 🙂

      Alles Liebe und vielen Dank für deinen Kommentar!
      Kim

  2. Kristina Schellenberg sagt:

    Liebe Kim,

    jetzt wo ich deinen Artikel lese, fühle ich mich nicht mehr alleine mit dem Gedanken, dass mittlerweile fast alles was im Buchhandel angeboten wird, nichts für mich ist. Diese ganzen Kitsch-Romane, von denen ich immer mal wieder versuche eins zu lesen, um mich etwas zu entspannen, die aber trotzdem super unbefriedigend sind weil sie einfach nicht packen und doch nur minimale Variationen enthalten. Wenn ich dann aber zu „großer“ Literatur greife, bin ich meistens überfordert, kann nicht entspannen und quäle mich eher als wirklich etwas für mich zu tun. Scheinbar gibt es keine Liebesromane, die sich ernst nehmen können, ohne im Weltkrieg zu spielen. Im Buchladen habe ich neulich 3 Verkäuferinnen zur Krise gebracht, weil mich keines der Bücher die sie mir anboten überzeugen konnte.
    Auch ich habe noch nicht das richtige Rezept gefunden, schaue aber eher in den Bereichen der Gegenwartsliteratur statt auf den großen Stapeln der Bestsellerliteratur. Und dann versuche ich wirklich einige Rezensionen oder Bewertungen zu einem Buch zu lesen, bevor ich es auch wirklich kaufe. Zwar sind manchmal auch Fehlkäufe dabei, aber das kann man wohl nicht vermeiden. Schließlich sind Bücher immer subjektiv zu bewerten.
    Zum Glück horte ich keine Bücher, habe meistens eine Auswahl von etwa 4 Stück. Das hilft schon ungemein sich dann ein passendes Buch auszusuchen, was grade zur Stimmung passt.
    Falls du irgendwann herausfindest, wie man das perfekte Buch für sich findet, sag mir bitte die Zauberformel.

    Liebe Grüße 🙂
    Kristina

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Kristina,

      Danke für deinen Kommentar! 🙂
      Du hast sowas von Recht – entweder ist man unterfordert oder überfordert. Das habe ich auch mit Büchern, in denen Krankheiten oder Krieg verhandelt werden. Irgendwie kann ich damit so schlecht umgehen, auch wenn ich eigentlich gerne ernstere Bücher lesen möchte.

      Viel der Gegenwartsliteratur nimmt sich meiner Meinung nach zu wichtig. Ich habe immer das Gefühl, dass die Autoren versuchen, betont literarisch zu schreiben und das nervt mich gewaltig. Aber auch auf den Stapeln der Bestsellerliteratur werde ich immer häufiger enttäuscht.

      Ich hab jetzt alle ungelesenen Bücher aus meinem Regal verbannt und nur noch 15 Stück dort stehen, auf die ich mich wirklich freue. Der Rest darf erst wieder aus dem Schrank, wenn sie an der Reihe sind. Und es fühlt sich unglaublich befreiend an.

      Wie man das perfekte Buch für sich findet, weiß ich auch noch nicht so genau. Aber wenn ich dahinter komme, schreibe ich ein Buch drüber. 😉

      Liebe Grüße 😘
      Kim

  3. Charlie sagt:

    Ich habe leider gerade ein ähnliches Problem und noch keine Lösung dafür gefunden.

    Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, in denen ich direkt in die Bibliothek gerannt bin, wenn ich ein Buch ausgelesen habe. So etwas wie einen SuB kannte ich da gar nicht. Aber in den letzten Jahren habe ich mehr Bücher angesammelt, als ich lesen konnte, sodass ich mittlerweile schon über 200 ungelesene habe. Trotzdem habe ich mir immer mehr geliehen, getauscht, gekauft, sodass ich schnell den Überblick verloren habe und mittlerweile feststellen muss, dass mich viele Bücher, die hier seit drei, vier Jahren ungelesen liegen, gar nicht mehr interessieren. Das tut mir auch sehr leid um das viele umsonst ausgegebene Geld.

    Und während sich immer mehr Bücher hier ansammeln, lese ich gleichzeitig immer weniger. Nicht mal, weil ich keine Zeit hätte, sondern weil ich sie immer mehr im Internet verbringe und das leider nicht immer mit einem sinnvollen Ziel.

    Ich wünsche mir, irgendwie bewusster zu lesen, mir bewusst Zeit im Alltag dafür zu nehmen, weil ich festgestellt habe, dass ich auch vor allem deshalb mit vielen Büchern nicht vorankomme, weil ich sie immer nur eine halbe Stunde am Tag auf dem Weg zur Uni lese. Ich wünsche mir wieder Tage, die ich komplett lesend verbringe, einfach, weil ein Buch mich packt, und nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen habe, dass ich in letzter Zeit so wenig gelesen habe.
    Und vor allem habe ich mir bewussteres Kaufen und Wünschen vorgenommen: nur noch Bücher, die ich wirklich haben will und dann auch sofort lese.
    Dem habe ich auch schon eigene Seiten in meinem BulletJournal gewidmet ;).

    Liebe Grüße :),
    Charlie

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Charlie,

      Ja, das mit der Bibliothek waren noch schöne Zeiten. Mittlerweile ist meine Mitgliedschaft ausgelaufen, weil ich mir sowieso lieber alles selbst kaufe. Ich denke aber, dass sich das auch bald wieder ändern wird. Ich merke nämlich, wie sich im Zuge meines Minimalisierens auch meine Einstellung zu Büchern verändert.

      Ich habe gemerkt, dass mich diese ganzen ungelesenen Bücher einfach nur noch bedrückt haben, deshalb habe ich radikal aussortiert. Ich habe jedes Buch in die Hand genommen und mich gefragt, ob mir das Buch Schuldgefühle gibt. Wenn es so war, ist es rausgeflogen. Wenn ich jedoch einen Anflug von Vorfreude verspürt habe, durfte es bleiben. Die restlichen ungelesenen (136…) habe ich aus dem Regal in meinen Wandschrank verfrachtet. Jetzt stehen nur noch 15 ungelesene im Regal, auf die ich mich aber wahnsinnig freue. Erst wenn die ausgelesen sind, dürfen die nächsten ins Regal wandern. Ich hoffe, so das Problem der Entscheidung zu lösen und meine anderen Bücher irgendwann mit Vorfreude zu betrachten, als hätte ich sie neu gekauft. 🙂

      Mit der Lesezeit das kommt mir auch bekannt vor. Mama meinte gestern zu mir, dass das typisch Generation YouTube sei. Ich glaube, da hat sie gar nicht mal unrecht. Durch die Videos lernen wir, uns immer nur für eine kurze Zeitspanne zu konzentrieren und wegzuschalten, wenn uns etwas nicht gefällt. So funktionieren Bücher aber nicht und deshalb fällt es uns immer schwerer, uns darauf einzulassen.

      Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg bei mehr Achtsamkeit beim Lesen und Kaufen.

      Alles Liebe
      Kim

  4. buchstabenhexe sagt:

    Liebe Kim!

    Oh, das kommt mir auch alles bekannt vor… Und die Traurigkeit über diese überfrachtete Situation und die Lesebegeisterung, die dadurch leidet empfinde ich ebenso. In diesem Jahr will ich einiges aussortieren und ungelesen „verbannen“. Wie tough ich dabei zu Werke gehen werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Aber das es so nicht weiter geht ist mir schon länger klar. Dein Beitrag hat mir da auf jeden Fall noch mal Auftrieb gegeben. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Nicole,

      Ich kann dir sagen, dass es ganz schön anstrengend ist, plötzlich vor einem Regal zu stehen, in dem die Hälfte fehlt, weil man alle ungelesenen Bücher rausgeholt hat. Aber sobald man den Rest umsortiert hat, ist diese plötzliche Leere auf einmal befreiend. Dann fühlt es sich an, als wäre das Gewicht von den Schultern verschwunden.

      Ein paar Tipps, die mir geholfen haben:

      1. Wenn du nicht nur dein Bücherregal ausmisten möchtest, sondern die ganze Wohnung/das ganze Haus auf Vordermann bringen willst, fang mit Kategorien an, die dir leichter fallen. Bücher sind ziemlich emotionale Gegenstände, besonders für uns Buchliebhaber, deshalb ist es leichter, mit einer Kategorie anzufangen, an die nicht so viele Erinnerungen gekettet sind.

      2. Alle Bücher rausholen und nur die wieder ins Regal räumen, bei denen du zu mindestens 80% sagen kannst, dass du dich auf oder über sie freust.

      3. Dir klar machen, dass du nicht an deine Bücher gebunden bist. Deine Erinnerungen an ein gutes Buch bleiben auch bestehen, wenn das Buch nicht mehr im Regal steht, deine Wünsche, Einstellungen und Werte verändern sich nicht, wenn du ein Buch wegwirfst, mit dessen Thema du dich früher mal auseinandersetzen wolltest.

      4. Von dem Geld, was durch den Buchverkauf reingeht, kannst du dir Bücher kaufen, die dir wirklich was bedeuten (aber bitte nicht mehr so viele!) oder dir irgendetwas anderes Schönes kaufen.

      5. Wenn du die Möglichkeit hast, alle ungelesenen Bücher irgendwo außer Sichtweite unterbringen und immer nur 10-20 ungelesene in dein Regal stellen, auf die du dich wirklich freust. So fühlen sich alle anderen nachher wieder wie Neukäufe an und du kannst dich besser auf das freuen, was du hast, als das zu sehen, was du nicht hast. 🙂

      Erzähl mir unbedingt, wie das Ausmisten bei dir gelaufen ist! Ich wünsche dir ganz viel Erfolg dabei!

      Alles Liebe
      Kim

      • buchstabenhexe sagt:

        Liebe Kim,

        ich danke Dir sehr für Deine tollen Tipps! <3

        Mein Ausmisten hat tatsächlich bereits im vergangenen Jahr begonnen und genau wie Du es auch rätst mit unwichtigeren Bereichen. Und so nach und nach kommt man dann ja auch in Schwung und merkt, wie befreiend es ist!

        Vor Jahren habe ich schon mal 30 (!) Kisten Bücher aussortiert. Also völlig fremd ist mir das nicht. Trotzdem ist es immer wieder eine Herzensangelegenheit. Vor allem, weil sich die "Bücher-Stimmung" im Laufe des Lebens eben auch immer wieder ändert. Ich bin also gespannt, wie es dieses Mal sein wird und werde gerne berichten.

        Dir auch weiter viel Erfolg bei all dem was Du tust!

        Alles Liebe
        Nicole

  5. Jean Parker sagt:

    Hallo Kim,
    ich halte allgemein nichts von diesem Minimalismus-Mist, weil es gerade alle tun. Jeder zweite aus meiner Freundesliste auf Facebook ist gerade auf diesem Trip und glaubt, dass ist der einzig wahre Weg zum Glück. Falsch gedacht, zumindest bei den meisten von diesen neu Minimalisten. Wenn man es wirklich aus Überzeugung tut, dann Hut ab vor jedem der das schafft, aber es nur zu tun, weil es gerade alle machen finde ich doof.

    Bei einem deiner Sätze bin ich hellhörig geworden:

    Mittlerweile schaffe ich es in kaum einem Buch über 50 Seiten hinaus, weil ich einfach keine Lust mehr habe, meine kostbare Zeit mit Dingen zu verplempern, die kein 100% „JA!“ von mir bekommen.

    Das klingt für mich stark nach Gesellschaftsopfer, das meine ich nicht böse, lass es mich erklären.
    Die Gesellschaft verlangt von jedem einzelnen von uns immer mehr Leistung. Immer weiter, immer höher, immer schneller und so weiter. Der Mensch an sich bleibt da oft auf der Strecke und ich glaube, dass du in diesem Strudel gefangen bist. Dir ist das bisschen Zeit das dir noch bleibt zu kostbar, um dich auch mal mit nicht ganz so perfekten Dingen zu beschäftigen, zum Beispiel ein Buch zu lesen, welches nur zu 80% ein JA! in dir auslöst und das ist schade, denn sollte man sich nicht auch an den kleinen, nicht immer ganz perfekten Dingen im Leben erfreuen können? Ich hoffe, dass ich mich irre, aber dein ganzer Beitrag löst einfach dieses Gefühl in mir aus.
    Noch eine Aussage, die zeigt, dass du dich von den Meinungen anderer verunsichern lässt:

    Aber schauen sich meine Gäste wirklich mein Regal an und denken „Wow, die hat den und den Klassiker gelesen, die muss wirklich Ahnung haben“ oder „Ähh, die liest echt Vampirromane. Steht die auf glitzernde Vampire?“ – nicht wirklich. Die meisten meiner Gäste sagen höchstens „Hast du die alle gelesen?“ – Was mir übrigens ziemlich peinlich ist, denn darauf muss ich antworten: Nein, habe ich nicht. Ich bin bloß meinem Sammelwahn gefolgt, bis meine Regale aus allen Nähten geplatzt sind. Um mir dann darüber klar zu werden, dass es anderen furzegal ist, was ich lese und wie mich meine Lektüre prägt.

    Wieso ist dir die Meinung anderer Leute so unglaublich wichtig? Ich könnte es verstehen, wenn du sagst, dass du deinen Bücherfundus aussortierst und weggibst, weil es einfach zu viel ist und der Großteil davon dich einfach nicht mehr interessiert, aber das scheint bei dir absolut nicht der Fall zu sein. Du solltest immer du bleiben, egal was die Gesellschaft von dir verlangt, denn auf lange Sicht wird dich das nicht glücklich machen. Ich selbst habe sehr lange gebraucht um das zu verstehen und umzudenken. Heute mache ich, was mich glücklich macht und verbiege mich nur noch soweit, wie es unbedingt nötig ist und es geht mir verdammt gut damit. Auch mit meinen vielen Büchern und ich habe sehr viele, die meisten davon ungelesen, aber ich habe mich damit aus den Fesseln befreit, die mich festgehalten haben. Wenn du dich aus diesen Fesseln befreist, in dem du Bücher abgibst, dann wünsche ich dir viel Glück dabei, aber denk immer daran, alles was du tust, solltest du in erster Linie für dich selbst tun und nicht weil die Meinung der anderen nicht die beste ist. Und nun hoffe ich, dass du mir nicht böse bist.

    Liebe Grüße
    Jean Parker

    • Kim Leopold sagt:

      Liebe Jean!

      Danke für deinen Kommentar! Natürlich bin ich dir nicht böse – es kann doch jeder seine eigene Meinung haben und außerdem freue ich mich darüber, wenn ein Artikel zu einer Diskussionsplattform wird. Ich habe gerade eine Weile über deine Worte nachgedacht und wirklich hart überlegt, ob du vielleicht Recht hast, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich dir widersprechen muss.

      Aber zunächst einmal: Ich finde es wichtig und sinnvoll, diesen Kommentar unter meinem Beitrag stehen zu haben, denn vielleicht hilft er anderen dabei zu unterscheiden, ob sie ihre Bücher für sich selbst horten oder weil sie irgendeinem Zwang folgen.

      Und nun zu meiner Position: Ich bin kein Minimalist, zumindest kein richtiger. Wenn man meine Wohnung betritt, sieht man einen alten Nähmaschinentisch mit Glasplatte, auf der eine überfüllte Schüssel mit Schlüsseln steht und zwei Bilder mit Zitaten. Darüber hängt ein verzierter Spiegel. Die Tapete ist weinrot und das wird sie so lange bleiben, bis sie in Fetzen von der Wand hängt. Wir haben einen Wandschrank. Und dieser Wandschrank ist gefüllt mit Campingausrüstung, Jacken, die hauptsächlich für-den-Fall-dass da sind, Schals und Mützen, die ich kaum trage, aber es nicht übers Herz bringe, sie auszumisten, weil ich sie liebe.

      Wenn man in unsere Wohnung kommt, sieht man mittlerweile fast nur noch Dinge, die wir lieben. Und dafür war/ist für mich Minimalismus da. Um zu entscheiden, was ich liebe und was ich eigentlich aus einem anderen Grund aufbewahre. Seit wir so drastisch ausgemistet haben, sind wir immer noch kein Pinterest-fähiger Minimalistenhaushalt, aber wir kommen abends doch mit dem Gefühl heim, dass es bei uns schön ist. Aufgeräumt und entspannend. Statt vollgerümpelt und stressig, weil noch so viel zu tun ist.

      In erster Linie haben wir das für uns gemacht, weil wir uns damit wohler fühlen. Auch heute kommen Menschen in unsere Wohnung und denken, dass es ganz schön leer hier ist. Ist es aber nicht, es ist perfekt so. 🙂

      Die Meinung anderer ist mir nicht so wichtig, wie es in dem Artikel wohl scheint. Das Ganze schreibe ich mit der Erfahrung, dass das Leben in jedem Augenblick vorbei sein könnte. Vielleicht weißt du, dass ich vor anderthalb Jahren mit 23 an Brustkrebs erkrankt bin. Das war ein Wachrüttler. Ich bin zwar jetzt wieder gesund, aber das hätte auch anders laufen können. Was mir die Sache (und jede Menge andere Todesfälle in meiner näheren Umgebung) jedenfalls gezeigt hat: Wir sind sterblich, egal, wie alt wir sind. Es gibt keine Garantie darauf, dass wir 90 Jahre alt werden und genug Zeit haben, um auch mal Dinge zu tun, die wir nur zu 50% mögen.

      Deswegen verschwende ich meine Zeit nicht länger mit Büchern, die mich nach der 50sten Seite noch immer nicht interessieren. Deswegen suche ich nicht länger nach Ordnungsmöglichkeiten für meinen Krempel, den ich sowieso nicht mag. Und deswegen ist mir die Meinung anderer auch egal.

      Nicht viele haben mit 24 schon die Erfahrung gemacht nicht unsterblich zu sein. Klar, das schlummert immer irgendwo im Unterbewusstsein, aber wie zerbrechlich ein Leben tatsächlich ist, merkt man häufig erst, wenn es zu spät ist. Ich möchte dieses eine Leben nicht mit Dingen füllen, die ich nicht liebe, aber genau das würde passieren, wenn ich mich von gesellschaftlichen Normen einschränken lasse. Deshalb schreibe ich auf diesem Blog von meinen Erfahrungen und hoffe, dass andere anfangen, über ihre eigenen Leben und ihr eigenes Glück nachzudenken.

      Und deshalb finde ich – wie gesagt – deinen Kommentar auch wichtig an dieser Stelle. 🙂

      Also vielen lieben Dank dafür und alles Liebe
      Kim

      • Jean Parker sagt:

        Vielen Dank Kim für deine ausführliche Antwort. Jetzt kann ich es nachvollziehen und verstehe dich besser.
        Ich habe mir übrigens gerade deinen Eingangsbereich vorgestellt und bin ein kleines bisschen neidisch. 🙂
        Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und werde immer mal wieder bei dir vorbeischauen.

        Liebe Grüße
        Jean

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