„Im ganzen Land hatte Mikael nach der einen Hexe gesucht, die dazu imstande sein würde, den Fluch des Königs zu brechen. Was er schließlich in Freya fand, war nicht das, was er erwartet hatte. Doch sie begleitete ihn nach Christiania, denn am Hof des Königs sollte sie lernen, ihre magischen Fähigkeiten zu benutzen, um so den König zu heilen …“

Alex führt seine neue Schülerin Louisa in eine Welt der Magie und zeigt ihr, wie sie ihre Kräfte benutzen kann. Dabei kommen sie sich unweigerlich näher, doch es ist nichts mehr verboten als eine Beziehung zwischen Wächtern und Hexen …

 

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Leseprobe

KAPITEL 1

Lille, 2018
– Azalea –

 

Mir ist kalt … so kalt.
Ich schlage die Augen auf und mache sie gleich wieder zu, weil das Licht mich so blendet. Gott, womit habe ich diese Kopfschmerzen verdient?
Reiß dich zusammen, denke ich wütend. Wer feiern kann, kann auch aufstehen.
Ich wage einen weiteren Versuch, öffne die Augen und richte mich auf. In meinem Magen rumort es gefährlich.
Wieso liege ich auf dem Boden? Wo bin ich?
Fröstelnd ziehe ich mich an einer Kommode hoch und schaue mich um. Wie’s aussieht, befinde ich mich in einem Studentenzimmer. Einbauküche, Schreibtisch mit Medizinbüchern und einer Zettelwirtschaft, die man selbst in zwanzig Jahren nicht durchblicken würde, ein ungemachtes Bett, in dem ich nicht geschlafen habe. Sehr freundlicher Gastgeber. Wo auch immer er steckt.
Ich öffne eine braune Holztür, die einzige, die ich neben der Haustür mit dem Spion finden kann, und entdecke eine kleine Nasszelle mit Waschbecken, Dusche und Toilette. Hinter dem halb vorgezogenen Plastikvorhang verbergen sich Kosmetikartikel für Männer.
Hoffentlich haben wir wenigstens ein Kondom benutzt.
Bevor ich mir zu viele Sorgen machen kann, schließe ich die Tür und setze mich aufs Klo. Mir ist kalt und schlecht, und ich weiß nicht einmal, in welcher Stadt ich bin. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass Mila mir diese kleine rosa Pille in die Hand gedrückt hat.
Als Geburtstagsgeschenk, hat sie gesagt.
Tolles Geschenk. Es grenzt an ein Wunder, dass ich noch weiß, wer ich bin. Seufzend stehe ich auf, um mir das Gesicht zu waschen. Im Spiegel prüfe ich, ob ich wenigstens noch aussehe, wie ich mich in Erinnerung habe. Große, grüne Augen, fast schwarze, lange Haare. Meine pinkfarbene Strähne ist auch noch da. Das dunkle Make-up ist verschmiert und verleiht mir einen Waschbärenblick, aber das ist nicht mein größtes Problem.
Mein Amulett ist weg.
Scheiße.
Hastig taste ich meinen Hals ab und schaue in den Ausschnitt meines Kleides, doch hier ist es nicht. Ich suche den Boden und das Waschbecken ab, laufe sogar zurück ins Zimmer, um meine Schlafstätte und das Bett zu durchwühlen, aber ich werde nicht fündig.
Entmutigt lasse ich mich aufs Bett fallen. Wie soll ich die Kette bloß wiederfinden, wenn ich sie nicht hier verloren habe? Ich kann mich an rein gar nichts erinnern. Nach allem, was ich weiß, könnte mein Erbstück in ganz Lille sein. Vielleicht sogar in ganz Frankreich. Wie weit kommt man schon in einer Nacht?
Bin ich überhaupt noch in Lille?
Schnell springe ich auf, eile zum Fenster und atme erleichtert aus, als ich den markanten Kirchturm erkenne. Gott sei Dank!
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen kehre ich zurück ins Badezimmer, um mich endlich frisch zu machen. Mein Ausschnitt kommt mir merkwürdig leer vor.
Und was ist das?
Ich neige den Hals zur Seite, um besser sehen zu können, was Mr Medizin-Student mit mir angestellt hat.
Ein Knutschfleck!
Wie alt ist er bitte? Zwölf?
Aber wieso trage ich immer noch mein schwarzes Kleid? Und wieso habe ich auf dem Boden gelegen und nicht in seinem Bett?
So sehr ich meinen Kopf auch anstrenge, die Erinnerung kommt nicht zurück. Ich gebe mich geschlagen und drehe seufzend den Hahn auf, um mir das Make-up abzuwaschen. Trotz des Rauschens höre ich plötzlich ein Lachen in meinem Rücken.
Ich zucke zusammen und knalle mit dem Kopf gegen den Wasserhahn.
»Verdammter Mist«, fluche ich, richte mich auf und reibe mir die Stirn. Das Badezimmer ist so klein, dass das Lachen unmöglich echt gewesen sein kann – dabei kam es definitiv aus diesem Raum. Entweder erlaubt sich jemand einen Spaß mit mir … oder ich bin immer noch high.
Scheiße.
Wenn ich Mila in die Finger kriege, drehe ich ihr den Hals um.
Ich trockne mir das Gesicht an dem einzigen Handtuch ab, das ich hier entdecken kann, bevor ich das Badezimmer wieder verlasse. Im Zimmer bleibe ich überrascht stehen.
»Guten Morgen, Sonnenschein«, begrüßt mich der Typ, der vor der Küchenzeile steht und Kaffee zubereitet. Er ist blond und sieht verdammt ordentlich aus. Einer von der Art, der nie mit einer von meiner Art etwas anfangen würde, wenn er nicht total dicht gewesen wäre.
Und er grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd.
Was für ein Verrückter! Scheint, als hätte wenigstens einer in dieser Nacht Spaß gehabt.
»Morgen«, grummle ich und schaue mich unsicher um. Soll ich einfach gehen? Ich kenne ihn überhaupt nicht.
»Hast du gut geschlafen, Azalea?«
Er mich offensichtlich schon.
»Bestens«, zwitschere ich und überlege, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme, ohne dass er merkt, dass ich mich nicht an ihn erinnern kann. Wenigstens sieht er wirklich freundlich aus. Auch wenn das nicht erklärt, wieso er ausgerechnet mich mit nach Hause genommen hat.
»Kaffee?«, fragt er und wirft mir aus meerblauen Augen einen neugierigen Blick zu. »Nach der Nacht kannst du bestimmt Koffein gebrauchen.«
»Ich … ehrlich gesagt, muss ich …« Ich wedle mit der Hand in Richtung Tür. »Mein Vater macht sich sicher schon Sorgen.«
»Überhaupt kein Problem.« Mr Medizin-Student-mit-Honigkuchenpferd-Grinsen schüttet den Kaffee in zwei Thermobecher, bevor er nach einer Tüte greift und zu mir kommt. »Ich fahr dich nach Hause. Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann.«
Oh.
Wie lieb von ihm.
Zumindest, wenn er mich nicht in einen Wald fährt, um mich zu ermorden und unter einem Haufen Dreck zu verscharren. Aber dafür scheint er nicht der Typ. Ich könnte auch …
Ich nehme einen Thermobecher entgegen und berühre dabei wie zufällig seine Hand. Ein Stromstoß jagt durch meinen Körper und mit ihm die Gewissheit, dass er mir – und meinem Körper – nichts antun wird.
Ich lasse ihn los und schnuppere an dem Kaffee, um meine Sinne aufzuwecken. Wieso erinnere ich mich nicht an diese Sahneschnitte? Und was haben wir die Nacht getrieben, dass er meint, er müsste mich nach Hause fahren?
Er greift nach unseren Jacken und öffnet mir die Tür. Mit einer höflichen Handbewegung entlässt er mich aus seinem Zimmer und schließt nach uns die Tür ab.
Da höre ich es wieder. Das Lachen.
Verwirrt schaue ich mich um, doch die einzige andere Person auf diesem Flur schaut eher argwöhnisch zu uns. Ich runzle die Stirn und wende mich ab, um mit diesem Schnittchen das Studentenwohnheim zu verlassen.
»Geht’s dir gut? Gestern hast du mehr geredet …«, fragt er, nachdem wir unten angekommen sind und das Gebäude verlassen haben.
Ich beschließe, ihm die Wahrheit zu sagen. Vielleicht kann er mir dabei helfen, mich zu erinnern.
»Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an nicht mehr sehr viel erinnern«, erkläre ich ihm. »Meine Freundin Mila …« Er nickt aufmerksam, also kennt er sie offensichtlich. »… hat mir Drogen untergejubelt. Ich habe einen Filmriss. Ich weiß nicht einmal, wie du heißt.«
»Melvin«, entgegnet er schmunzelnd. »Und die Pille hat sie mir auch gegeben. Aber ich hab keinen Filmriss, nur einen dicken Kater.«
»Warte mal.« Ich bleibe stehen und starre den jungen Mann neben mir panisch an. Jetzt kommen mir seine Gesichtszüge auch wieder bekannt vor. Ich habe ihn schon auf einigen Fotos gesehen. »Melvin im Sinne von … Milas neuer Freund Melvin?«
Er seufzt leise auf. »Nun, nach letzter Nacht wohl nicht mehr.«

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