Hast du je drüber nachgedacht, was Glück wirklich bedeutet?

Vor fast zwei Jahren hat Ash New York verlassen und ist nach Toronto gezogen, um dort sein Glück zu finden. Seine Geschichte hat er in einem Buch verarbeitet, das zum Bestseller geworden ist. Seitdem leidet er an einer Schreibblockade und bringt nichts Neues zustande. Als sein Verlag in Gestalt von Camille einen neuen Roman fordert, bucht er spontan ein Ticket nach Irland, um das zu tun, was er am besten kann: Davonlaufen.
Camille bekommt die Chance ihres Lebens: Um sich einen Job im Lektorat zu sichern, soll sie Ash zu einem neuen Buch überreden. Als er ein Ticket nach Irland bucht, folgt sie ihm kurzerhand. Denn nur mit seiner Hilfe kann sie sich aus ihrer persönlichen Hölle befreien.

 

ISBN 978-3-95869-5528

Beim Buchhändler deines Vertrauens oder über

Leseprobe

KAPITEL 1

Der Regen läuft an der Scheibe herunter, Tropfen für Tropfen erinnert er mich an Tränen. Mit einer Hand umklammere ich den Griff meiner Handtasche, in der anderen halte ich mein Handy, über das ich mit Kopfhörern Musik höre. Ich sitze genau hinter der Fahrerkabine des Busses und kann mein Spiegelbild in der Trennscheibe sehen. Das Make-Up hält gut, aber die Ringe unter meinen Augen und die aufgeplatzte Stelle an meiner Lippe sind Anzeichen genug dafür, dass etwas nicht stimmt.

Der Streit will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Mittlerweile müsste Mick es doch längst gewohnt sein, dass ich mal Überstunden mache. Er weiß doch, wie wichtig mir diese Stelle ist. Wie wichtig diese Stelle für uns ist.

Wie kann er glauben, dass ich mich mit einem anderen Mann treffe, obwohl ich Tag ein, Tag aus dafür schufte, unsere Rechnungen zu bezahlen, damit er in Ruhe nach einem neuen Job suchen kann?

Immer noch fassungslos befühle ich die Beule an meiner Stirn. Ja, vielleicht ist es meine Schuld. Ich hätte ihn anrufen sollen, um ihm Bescheid zu sagen. Dann hätte er nicht so viel getrunken, um die Zeit zu überbrücken, und er wäre gar nicht erst so sauer gewesen, dass sein Temperament mit ihm durchgeht. Er hat es im Moment schon schwer genug und nun sorge ich auch noch dafür, dass er sich meinetwegen Gedanken machen muss.

Mit zusammengepressten Lippen drehe ich an dem dünnen, goldenen Ring an meinem Finger. Wir gegen den Rest der Welt. Das Versprechen, welches ich ihm gegeben habe – ich sollte es nicht brechen, indem ich ihn noch mehr strapaziere. Ich sollte mich mehr anstrengen, damit er wieder der alte Mick wird und wir irgendwann wieder eine glückliche Beziehung führen können. Vielleicht sogar mit einem Kind.

Der Gedanke an ein Kind mit seinen Gesichtszügen lässt mich lächeln. Mit seinem dunkelblonden Haar und den braunen Augen, seinen Grübchen und den geraden Zähnen.

Aber was, wenn es nicht wieder besser wird? Wie soll es besser werden, wenn es immer schlimmer wird?

Ich schiebe die leisen Zweifel von mir und konzentriere mich stattdessen darauf, dass wir unsere glückliche Zeit wiederbekommen, wenn er wieder eine Arbeit gefunden hat und der Stapel mit den Rechnungen abgearbeitet ist. Jede Beziehung hat ihre Höhen und Tiefen, das hat unsere Vergangenheit schon oft genug gezeigt. Ihn jetzt zu verlassen, wäre ein Verrat an unserer Liebe, an dem Versprechen, welches wir uns gegeben haben, als wir niemanden außer uns selbst hatten. Allein darüber nachzudenken, sorgt schon dafür, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme.

Aber er ist mir gegenüber auch noch nie handgreiflich geworden.

Erleichtert darüber, an der nächsten Haltestelle aussteigen zu müssen, schalte ich meine Musik aus, stecke das Handy zurück in meine Handtasche und streiche meinen Pony ein bisschen weiter ins Gesicht. Dann stehe ich auf und gehe wackligen Schrittes zur Tür.

In Toronto regnet es schon seit Tagen, also klappe ich meinen roten Regenschirm auf, bevor ich aussteige und mir meinen Weg in eine der Nebenstraßen bahne. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt mein großer Traum: Miller Publishing, eines der größeren Verlagshäuser in Toronto.

Wie jeden Morgen bleibe ich einen Moment stehen, atme die frische Luft ein und betrachte das Gebäude, für das ich endlich eine Eintrittskarte habe. Es ist nur ein Praktikum, doch wenn ich mich gut anstelle, habe ich große Chancen, übernommen zu werden. Schon seit Wochen gebe ich mir die allergrößte Mühe, um endlich eine Festanstellung zu bekommen. Ich frage mich, ob Mick stolz auf mich sein wird.

Früher hat er immer daran geglaubt, dass ich es irgendwann schaffe, und nun ist mein Traum endlich zum Greifen nah.

Ich ziehe die Schlüsselkarte aus meiner Jackentasche, dann überquere ich die Straße und grüße Stephen, der wie immer in seinem kleinen Häuschen sitzt und die Macht über die Schranke hat. Er hebt die Hand und winkt mir zu, bevor er sich wieder der Morgenzeitung zuwendet.

Im Hauptgebäude begrüße ich die Empfangsdame Sylvie mit einem freundlichen Nicken, dann eile ich zum Fahrstuhl, um noch mit Mr Miller hinauf ins Lektorat fahren zu können.

»Guten Morgen, Mr Miller«, begrüße ich ihn und versuche, möglichst gut gelaunt zu klingen.

»Guten Morgen, Mrs Dubois.« Der schon etwas ältere Herr nickt mir freundlich zu und hält die Aufzugtüren auf, bis ich eingestiegen bin. »Gefällt Ihnen Ihre Arbeit noch?«

Er war derjenige, der mich vor drei Monaten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen hat, um mir gleich im Anschluss daran zu sagen, dass ich als Praktikantin bei Miller Publishing anfangen könnte.

»Mais oui, sehr sogar.« Ich lächle zufrieden, auch wenn ich es innerlich nicht bin. Ich brenne darauf, endlich mehr Aufgaben zu übernehmen. Sehen Sie her, ich bin bereit für Verantwortung, würde ich ihm am liebsten entgegen schreien »Das Lektorat macht einfach unglaublich viel Spaß. Ich genieße meine Zeit hier sehr.«

»Das will ich hoffen.« Er zwinkert mir zu. »Kommen Sie doch um drei Uhr in mein Büro. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.«

Überrascht öffne ich den Mund, aber ich kann mich noch stoppen, bevor die Begeisterung förmlich aus mir heraussprudelt. Er muss einfach gute Neuigkeiten für mich haben. Ich habe mich viel zu sehr angestrengt, als dass er sich über mich beschweren könnte.

»Natürlich«, erwidere ich also mit einem breiten Lächeln.

Der Fahrstuhl hält im dritten Stockwerk des Gebäudes. Ich wünsche ihm noch einen schönen Tag, dann betrete ich den Flur, auf dem für diese Uhrzeit schon reges Treiben herrscht. Für den Vormittag ist ein Meeting anberaumt, das den ganzen Flur betrifft, allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass meine Kollegen deshalb so früh hier sind.

KAPITEL 2

Chrissy kommt mir in einem Kostüm und schwarzen Pumps entgegen. Statt ihres üblichen breiten Lächelns trägt sie heute allerdings tiefe Sorgenfalten im Gesicht.

»Was ist passiert?«, frage ich alarmiert. Wenn Chrissy so ein Gesicht zieht, ist etwas geschehen, was das ganze Lektorat betrifft.

»Oh, Süße, es ist schrecklich«, erwidert sie, packt mich am Ellbogen und zieht mich durch den Flur in ihr kleines Büro. Als Abteilungsleiterin ist sie die Einzige mit einem eigenen Büro. Es ist vollgepflastert mit Bildern von ihr und ihren Autorenbekanntschaften. Das einzige wirklich private Bild steht auf ihrem Schreibtisch und zeigt sie mit ihrem Sohn Martin.

Chrissy schließt die Tür hinter uns und lehnt sich mit einem lauten Seufzen dagegen.

»Es ist Melissa«, sagt sie ohne große Umschweife.

Melissa ist die dienstälteste Lektorin bei Miller Publishing, mit der ich sehr häufig zusammenarbeite. Von ihr habe ich schon so viel gelernt, dass ich ihr auf ewig dafür dankbar sein werde.

Der Blick, mit dem mich Chrissy nun anschaut, sagt mir allerdings, dass mit Melissa etwas nicht stimmt.

»Was ist mit ihr? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.« Mein Herz schlägt aufgeregt, während ich auf die schlechten Neuigkeiten warte.

»Sie hatte einen Schlaganfall.«

»Merde.« Schockiert stoße ich die Luft aus. »Einen Schlaganfall? Mit achtundvierzig? Aber sie ist doch noch viel zu jung für so etwas«, protestiere ich, weil es das Erste ist, was mir durch den Kopf geht.

»Ich weiß.« Chrissy schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, eine Geste, die sie heute schon häufiger gemacht haben muss, denn ihre dunklen Haare stehen in alle Richtungen ab.

»Ich weiß«, wiederholt sie und geht zu ihrem Schreibtisch. »Komm, setz dich. Wir müssen etwas besprechen, bevor das Meeting startet.«

Unsicher setze ich mich zu ihr.

Chrissy kenne ich schon seit einer halben Ewigkeit. Sie ist diejenige, die meine Bewerbungsunterlagen überhaupt erst bei Mr Miller abgegeben und ein gutes Wort für mich eingelegt hat. Wir haben uns vor ein paar Jahren zufällig in dem Café kennengelernt, in dem ich nach meiner übereilten Flucht von Zuhause gearbeitet habe. Damals ist sie noch Praktikantin bei Wentworth & Fitch gewesen und hat sich in dem Café regelmäßig mit einem ihrer Autoren getroffen. Sie haben geheiratet, ein Kind bekommen und sich wieder scheiden lassen. Unsere Freundschaft ist das Einzige, was aus dieser Zeit geblieben ist.

»Hör zu, ich hatte gestern ein Gespräch mit Mr Miller«, erklärt sie und beugt sich vor. »Es war ihm selbst unangenehm, aber er hat mir erklärt, dass er im Moment keine Möglichkeit sieht, dich als feste Lektorin einzustellen.«

Was? Mir entgleiten die Gesichtszüge. Ich klammere mich mit beiden Händen am Tisch fest und schaue Chrissy ungläubig an. »Aber …«

Sie lächelt mich mitleidig an. »Mr Miller findet dich klasse, Cami. Er hat sich wirklich darüber geärgert, dass er im Moment kein weiteres Personal einstellen kann. Aber das war gestern.«

Oh nein, ich weiß, worauf sie hinauswill. Die Sorgenfalten auf ihrer Stirn zeigen, dass sie mit der Idee, die sich in ihrem Kopf ausgebreitet hat, immer noch nicht ganz einverstanden ist, aber keine andere Möglichkeit sieht. So schaut sie auch immer, wenn sie mit der Wahl eines Covers oder den Worten eines Klappentextes noch nicht zufrieden ist.

»Ich fühle mich wirklich schlecht das zu sagen«, sagt sie leise und beugt sich noch ein kleines bisschen weiter vor, damit uns vom Flur aus auch wirklich niemand hören kann. »Melissa hat einige großartige Autoren betreut und sobald feststeht, dass sie so schnell nicht zurückkommen wird, werden sich die anderen Lektoren um ihr Programm reißen.« In ihren Augen funkelt es. »Cami, du musst unbedingt ein Stück des Kuchens abbekommen, wenn du hierbleiben willst. Du hast so hart gearbeitet für diesen Platz. Lass dir die Chance nicht wegnehmen.«

Meine Gedanken überschlagen sich. Fordert sie mich gerade auf, Melissas Platz einzunehmen? Soll ich mich mit Ellbogen dagegen wehren, dass mir die anderen Melissas Autoren wegnehmen, auch wenn ich die Jüngste und Unerfahrenste bin? Sie werden nie akzeptieren, dass ich ihre Bestsellerautoren übernehme und betreue.

»Das kann ich nicht machen«, flüstere ich. »Die anderen werden mich dafür hassen.«

»Nicht, wenn wir es geschickt angehen.« Chrissy reißt ein Blatt Papier aus dem Block auf ihrem Schreibtisch und nimmt sich einen Kugelschreiber, mit dem sie drei Namen aufschreibt. »Hier, diese drei ihrer Autoren sind eine gute Mischung für dich, die anderen beiden können wir gut an jemand anders abgeben. Schaffst du es, dir bis zum Meeting den aktuellen Stand der Dinge anzueignen?«

»Machst du Witze? Ich kenne Melissas Projekte in- und auswendig.« Ich nehme das Blatt entgegen und schaue auf die Namen. Manon Joubert, Lola Sauvage und – »Ashton Parker? Soweit ich weiß, will er kein weiteres Buch mehr veröffentlichen.«

Chrissy zuckt mit den Achseln. »Ashton Parker ist deine Goldtruhe, Cami. Selbst wenn es stimmen sollte, was du sagst, musst du ihn unbedingt überzeugen. Wenn du sein neues Buch betreust, hast du dir deinen Ruf als aufgehende Lektorin gesichert.«

Ashton Parker ist ein Phänomen. Mit seinem ersten Roman Geschwisterliebe hat er vor einigen Monaten einen Bestseller gelandet, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Die Lizenzabteilung verhandelt gerade sogar über die Filmrechte. Seine Leser warten derzeit fieberhaft auf einen neuen Roman von ihm, doch Melissa beißt schon seit Monaten auf Granit.

»Ich kann es versuchen«, erwidere ich unentschlossen. »Joubert ist gerade im zweiten Korrekturdurchlauf vom aktuellen Manuskript und wollte in der nächsten Woche den Entwurf für ihren nächsten Roman schicken. Bei Sauvage steht eine Entscheidung an, die Melissa im heutigen Meeting mit den anderen Lektoren besprechen wollte. Sie war sich nicht sicher, ob wir ihr neustes Manuskript wirklich veröffentlichen sollen.«

»Gut. Ich sehe, du bist gut informiert.« Chrissy lehnt sich zufrieden zurück und wirft einen Blick auf ihre silberne Armbanduhr. »Du hast noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Ich spreche in der Zeit mit Mr Miller und unterbreite ihm meinen Vorschlag. Zusammen schaffen wir das, okay?«

Zum ersten Mal an diesem Morgen lösen sich die Sorgenfalten auf ihrer Stirn und weichen einem vorsichtigen Lächeln. Ich erwidere es kurz, bevor ich aufstehe und Anstalten mache, ihr Büro zu verlassen.

»Ach, Cami?«

»Ja?« Ich drehe mich noch einmal um und schaue sie erwartungsvoll an.

»Was ist mit deiner Lippe passiert?«, fragt sie und zieht besorgt die Augenbrauen hoch.

»Hab mir im Schlaf draufgebissen«, erwidere ich ohne zu zögern.