Hast du je drüber nachgedacht, deinen besten Freund zu küssen?

Liz und Toby gab es schon immer nur im Doppelpack.

Jetzt sind sie sechzehn, die große, weite Welt wartet und mit ihr die Liebe. Dass sie sich ineinander verlieben, stand allerdings nicht auf dem Plan. Genauso wenig, dass ein Fehler all ihre Träume zerstört.

Vom einen Tag auf den anderen liegt nicht nur ein Meer zwischen ihnen, sondern auch ein Ozean aus unausgesprochenen Gefühlen. Während Liz versucht, sich mit ihrer Karriere abzulenken, stellt sie jedoch schnell fest, dass Gefühle sich nicht verdrängen lassen.

 

ISBN 978-3-95869-5535

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Leseprobe

KAPITEL 1

»Herzlich willkommen zurück in New York! Mein Name ist Ellie und heute zeige ich euch meine Lieblingsplätze in der Stadt, die niemals schläft …«

Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus, während ich die zusammengeschnittenen Clips betrachte, die ich in den letzten Wochen so emsig zwischendurch gedreht habe. Dieses Video ist ein kleines Kunstwerk aus bewegten Bildern, aus Farben, die über den Bildschirm flirren, grasgrün, himmelblau, senfgelb. Taxis, Busse, U-Bahn-Stationen. Bouquets, verwaschene Schnitte, ein breites Grinsen auf einem Gesicht voller Sommersprossen.

Ich würde gerne behaupten, das hier wäre mein bestes Video, mein erfolgreichstes, aber ich weiß jetzt schon, dass meine Zuschauer häufiger auf den neusten Fashion Haul klicken werden und immer noch gespannt auf eine Zimmertour warten. Trotzdem bin ich stolz darauf.

Das Video ist der perfekte Beweis dafür, welche Fortschritte man machen kann, wenn man nur kontinuierlich seine Ziele verfolgt und an sich selbst glaubt. Es zeigt, wie viel Arbeit ich in meine Aufnahmen stecke, wie intensiv ich mich mit dem Schnitt von Videos auseinandergesetzt und wie viel ich in meine Ausrüstung investiert habe.

Dieses Video ist mein Traum in klein. Es ist nicht nur ein Video, es ist ein Kurzfilm über meine Lieblingsplätze in New York. Und damit ähneln diese paar Minuten zum ersten Mal dem, was ich später beruflich machen möchte.

Regisseurin werden.

In einer Stadt, in der Träume wahr werden und in der ein Stern nach dem anderen den Himmel emporklettert, sollte es doch möglich sein, dass mein eigener, kleiner Traum irgendwann Wirklichkeit wird.

Ich klappe den Laptop zu, lege ihn aufs Bett und greife nach meinem Handy, um meinem besten Freund Toby eine Nachricht zu schicken. Er ist mir bereits zuvorgekommen.

Toby: Dein neues Video ist hervorragend. Tolle Kameraführung und der Ton passt sehr gut zu den Schnitten. Die letzten Sekunden gefallen mir besonders gut.

Ich denke an den perfekten Abend auf dem Dach, an dem ich uns gefilmt habe. An meinen Kopf an seiner Schulter, seinen Duft in meiner Nase, den Sonnenuntergang über der Stadt. Ein Schnelldurchlauf von Licht und Wärme und Freundschaft, hinterlegt mit den Worten: »Aber mein liebster Platz auf dieser Welt ist in den Armen meines besten Freundes.«

Wahrscheinlich meint er die Technik, die hinter dem Schnelldurchlauf steckt. Nicht die Worte, die meine Zuneigung zu ihm ausdrücken. Trotzdem lächle ich, während ich meine Antwort ins Handy tippe.

Ich: Ich dachte, das würde dir gefallen.

Toby: Natürlich gefällt es mir. Alles, was du machst, gefällt mir. Muss jetzt los. Sehen wir uns später?

Ich: Ich warte oben auf dich. Viel Spaß!

Toby: Sehr witzig!

Ich grinse in mich hinein. Dass ihm das Essen mit seiner Familie keinen Spaß machen wird, ist mir schon bewusst gewesen, als er mir von dem Dinner erzählt hat. Weil es eine Feier für die bevorstehende Hochzeit von Jamie und Lilian ist, muss die ganze Familie anwesend sein. Inklusive der beiden Streithähne Stewart und Greg. Das einzige, was die beiden Männer gemeinsam haben, ist die Liebe zu Tobys Mutter Melanie.

Der Gedanke an die bevorstehende Hochzeit erinnert mich daran, meine Tasche zu packen.

Ich hüpfe vom Bett, zerre meinen Koffer aus dem begehbaren Kleiderschrank, lege ihn aufgeklappt aufs Bett und fange an, Sachen für eine Woche Hamptons einzupacken. Meine Kameraausstattung und ein Großteil meines Make-ups dürfen auch nicht fehlen. Schließlich habe ich Lily versprochen, den Hochzeitswalzer zu filmen und das Make-up der engsten Familienmitglieder zu machen.

Zwischendurch schaue ich immer mal wieder aufs Handy, um zu sehen, ob Toby vielleicht gerade eine Krise hat und mit mir schreiben möchte, aber er bleibt still. Vielleicht schaffen sie es heute, sich nicht zu streiten. Jamie und Lily zuliebe, wenn sie es schon nicht für Toby auf die Reihe kriegen.

Ich weiß nicht, wie oft er in den letzten Jahren an meine Fensterscheibe geklopft hat, damit er bei mir bleiben kann, bis die Wogen wieder geglättet sind. Wie viele Nächte er schon in meinem Bett geschlafen hat, weil er es bei seinem Dad Stewart nicht mehr aushält.

Wenn er nicht gleichzeitig so sensibel wäre, wäre er längst einer dieser Querschläger, die nur Unfug im Kopf haben. So wie Matt oder Tyler aus unserer Klasse, deren Eltern ständig in der Schule aufschlagen müssen.

Aber so ist Toby nicht. Er zeigt niemandem, wie sehr ihn die Situation belastet. Stattdessen verkrümelt er sich lieber in seinen Nebenjob beim Tierarzt oder denkt über Dinge nach, über die kein normaler Mensch nachdenken würde. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ich ihn so gern habe.

*

Später sitze ich neben meinem kleinen Bruder Eddy am Küchentisch. Er hat einen Atlas vor sich aufgeschlagen, die roten Haare leuchten vor dem Hintergrund der grau-weißen Küche, während er nach Ägypten sucht. Ich schreibe Toby eine Nachricht, weil ich noch nichts von ihm gehört habe und mich fühle, als würde ich auf heißen Kohlen sitzen.

Ich: Lebst du noch?

Ich wünschte, ich wäre bei ihm. Dann würde ich unter dem Tisch nach seiner Hand greifen, wenn Stewart wieder etwas sagt, das alle zur Weißglut treibt. Ich würde sie drücken und ihm versichern, dass ich für ihn da bin. So wie ich es sonst auch immer mache. Ganz ohne Worte. Nur mit dieser kleinen Geste, die so viel bedeutet.

Toby: Als ich das letzte Mal nachgefühlt habe, hatte ich jedenfalls noch einen Puls. Wenn die auf der Hochzeit auch so streiten, wäre es spaßiger, eine Bombe zu entschärfen.

Ich: Das wird nicht passieren. Selbst dein Dad wird Rücksicht nehmen.

Toby: Wenn du das sagst … Hab mich für einen Moment nach draußen verzogen. Was machst du?

Statt einer Antwort bitte ich Eddy, für die Kamera zu lächeln und schicke Toby ein Foto von ihm. Dann nehme ich eine Sprachnachricht auf.

»Eddy, Toby möchte wissen, was wir gerade machen. Erklärst du es ihm?« Belustigt beuge ich mich über den Tisch und halte das Handy in Eddys Richtung. Seine Augen leuchten auf.

»Lizzie zeigt mir, wo die Ägypter gewohnt haben«, erzählt er aufgeregt. Er ist Tobys größter Fan, was wahrscheinlich daran liegt, dass die beiden trotz unterschiedlichen Alters auf einer Wellenlänge sind. »Wir waren heute Nachmittag im Met«, erkläre ich. Das Metropolitan Museum of Art ist einer von Eddys Lieblingsorten in New York. Mein Bruder will unbedingt Entdecker werden. »Die Ausstellung über Ägypten hat ihn total begeistert. Jetzt muss ich ihm alles erzählen, was ich weiß.«

Ich schicke die Sprachnachricht ab und warte auf seine Antwort, die umgehend kommt. »Wie gut, dass wir das letztes Jahr erst in der Schule hatten«, sagt er. »Sonst würde dein Bruder für immer unwissend bleiben. Macht sie das gut, Eddy?«

»Ha, ich bin der Meister der Archäologie«, erwidere ich in das Mikrofon meines Handys.

Eddy hebt den Kopf. »Was ist Archo-Archäo-?«

»Archäologie«, wiederhole ich das Wort für ihn. »Das ist die Wissenschaft, die sich mit der alten Geschichte auseinandersetzt.«

»Cool«, erwidert Eddy langgezogen. »Dann will ich Archolägie werden.«

Ich lache auf und schaue noch einmal auf mein Handy, doch Toby ist offline.

Wahrscheinlich nimmt ihn seine Familie nun wieder in Beschlag. Dann muss ich mich wohl gedulden, bis wir uns später auf dem Dach treffen.

*

Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Stammplatz auf dem Dach und blättere durch mein Sketchbook, bis ich bei einer der letzten freien Seiten angelangt bin. Als ich den Bleistift aus meinem Haar ziehe, fällt es mir über die Schultern. Ich klemme den Bleistift zwischen meine Zähne, rolle meine Haare zusammen und werfe den schweren Zopf auf meinen Rücken, damit er beim Zeichnen nicht im Weg ist. Die Sonne ist fast untergegangen, aber es ist so warm, dass ich in meinen Jeansshorts und dem grünen Top nicht friere.

Hinter mir höre ich ein Rascheln und drehe mich um. Toby kommt auf mich zu, die Hände in seine Hosentaschen geschoben, die Kontaktlinsen gegen seine Brille getauscht. Sofort beginnt mein ganzer Körper zu lächeln.

Er verzieht das Gesicht, als unsere Blicke sich begegnen, und zieht die Hände aus den Taschen, um seine Krawatte zu lösen. Wenn es mir die Krawatte nicht verraten würde, dann die stahlblaue Hose und das blütenweiße Hemd – er ist direkt nach dem Essen hochgekommen, um mit mir zu reden.

»Ich dachte schon, du schaffst es heute nicht mehr.« Ich lege mein Sketchbook beiseite, als er sich mit einem Seufzen neben mich fallen lässt, und strecke die Beine aus, um sie über die Kante baumeln zu lassen.

Als wir vor ein paar Jahren das Dach für uns entdeckt haben, haben Toby und ich daraus eine Mutprobe gemacht. So hoch über den Straßen New Yorks fühlt es sich verwegen an, die Beine über die Kante zu strecken. Mittlerweile ist es zur Normalität geworden. Wir sitzen oft hier oben und hoffen nur, dass wir unsere Schuhe nicht verlieren.

»Tut mir leid, es gab noch viel wegen der Hochzeit zu besprechen. Blumen und so was.« Er schiebt seine Beine neben meine. Dunkelblau gegen Elfenbein. Wenn er jetzt Shorts tragen würde, wäre es genauso ein starker Kontrast. Im Gegensatz zu ihm bin ich als Rothaarige mit einer vornehmen Blässe gestraft. Das wäre halb so wild, wenn ich nicht trotzdem überall Sommersprossen hätte.

Ich schaue zu ihm auf. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen versteht er überhaupt nicht, was an Blumen so wichtig sein kann.

»Ich wünschte, du wärst dabei gewesen. Nicht mal mit Jamie konnte ich ein interessantes Gespräch führen, weil er in Gedanken bei den Schwimmkerzen für den Pool war. Schwimmkerzen. Für den Pool. Wozu braucht man das?«

Ich lache auf und knuffe ihn in den Oberarm. »Für das Ambiente natürlich. Und so schlimm kann es nicht gewesen sein.«

»Glaub mir. Es war so schlimm.« Er seufzt und legt den Kopf in den Nacken, während er mir vom Abendessen erzählt. »Wenn sie nicht gerade über irrelevante Dinge gesprochen haben, haben sie sich gegenseitig provoziert. Ich kam mir vor wie in einer schlechten Fernsehserie. Müssten sie sich nicht allmählich dran gewöhnt haben? Mein Dad ist der Schlimmste. Du hättest mal seine ‚Rede‘ hören sollen. Ich sag’ dir, wenn er das auf der Hochzeit bringt, wird Jamie ihm an die Gurgel gehen.«

»Wieso das?«, frage ich lachend. Ich kann mir gut vorstellen, dass Stewart es wieder vermasselt hat. Er ist nicht gerade der beste Vater aller Zeiten.

»Ach, sogar ich merke, dass er Lily nicht als Schwiegertochter akzeptiert.« Toby schüttelt verächtlich den Kopf. »Ich kann echt nicht verstehen, wie sie immer dasitzt und so breit lächelt, als hätte sie im Lotto gewonnen.«

»Das verstehst du erst, wenn du zum ersten Mal verliebt bist«, erkläre ich belustigt. Sein Kopf fährt ruckartig zu mir herum und er schaut mich verdattert an.

»Was weißt du denn von Liebe?«

»Mehr, als du denkst.« Ich spüre, wie die Hitze in meine Wangen steigt und wende den Blick ab.

»Ach ja?« Er rutscht mir auf die Pelle und pikst mit seinem Zeigefinger zwischen meine Rippen. Ich zucke zusammen. »Bist du etwa verliebt, Lizzie?«

»Und wenn? Dann wärst du der Letzte, dem ich das erzählen würde«, erwidere ich großspurig. Wäre ich verliebt, wüsste er es natürlich sofort. Er streckt mir die Zunge raus, was ich mit einem breiten Grinsen quittiere. »Ich bin nicht verliebt.«

Mit zusammengekniffenen Augenbrauen betrachtet er mich einen Moment lang prüfend. Irgendetwas an seinem Blick wischt mir das Grinsen von den Lippen und jagt einen Schauder über meinen Rücken. Ich beiße mir auf die Unterlippe, angespannt, ein kleines bisschen nervös, bis er sich schließlich abwendet.

»Liebe ist sowieso nur eine chemische Reaktion«, murmelt er.

»Ich weiß, du Schlaumeier. Du hast mir schon mal erklärt, was im Körper passiert, wenn man verliebt ist.«

»Hätte ja sein können, dass du es vergessen hast.« Jetzt bildet sich allmählich ein Lächeln auf seinen Lippen. Ein schwaches zwar, aber immerhin. »Das ist doch schon ewig her.«

»Vielleicht bin ich ja doch nicht so vergesslich wie du immer denkst«, meine ich schmunzelnd.

Aber selbst das bringt ihn nicht zum Lachen. Stattdessen seufzt er, dreht die Uhr an seinem linken Handgelenk, ballt die Hände zu Fäusten, öffnet sie wieder.

»Mein Dad will mich nach Deutschland schicken.«

»Was? Nach Deutschland?« Ungläubig keuche ich auf. »Wann? Und wie lange? Das kann er doch nicht machen, oder? Kann er das machen? Und wenn ja, kann ich mitkommen?«

Trotz seiner Verbitterung muss Toby auflachen. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie du ein ganzes Jahr in Deutschland überstehen würdest. Überleg nur, wie sehr dir deine Familie fehlen würde. Du bist emotional viel zu abhängig.«

»Emotional abhängig?« Ich gebe ihm einen Klaps auf den Oberschenkel. »Das war gemein.«

»War es?« Er runzelt die Stirn, schiebt seine Brille auf dem Nasenrücken hoch und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Es ist irgendwie süß, wenn er so ahnungslos ist.

»Ja. Nein.« Ich seufze. Meine Familie würde mir wirklich sehr fehlen. Ohne Mom und Dev würde ich es vielleicht noch ertragen, aber ich kann mir kaum ausmalen, ein ganzes Jahr ohne Eddy zu sein. Ohne Dad. »Du hast ja recht.«

Erst jetzt dringt die Bedeutung seiner neuen Informationen zu mir durch. Ich ziehe meine Beine an den Körper, umschlinge sie mit den Armen und lege mein Kinn auf den Knien ab. »Ein ganzes Jahr also?«

Mittlerweile ist es dunkel. Über uns leuchten die Sterne, unter uns blinken die Neonreklamen der Stadt.

»Das meint er doch nicht ernst, oder?«

»Wie soll er es sonst meinen?«

Ich verziehe das Gesicht. Es fällt mir schwer, mir ein ganzes Schuljahr ohne Toby auszumalen. »Ich mag deinen Dad nicht. Überhaupt nicht.«

Er streckt einen Arm aus, legt ihn um meine Schultern, zieht mich an sich und hüllt mich in den verblassten Duft des erdigen Parfüms, das ich ihm zum letzten Geburtstag geschenkt habe.

Nein, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie New York ohne Toby funktionieren soll. Wie mein ganzes Leben ohne ihn funktionieren soll. Es sind die kleinen Momente, Momente wie dieser hier, die mir so viel bedeuten wie nichts anderes auf der Welt.

»Du gehst aber nicht wirklich nach Deutschland, oder?«, frage ich schließlich leise.

»Hm.« Er schweigt einen Augenblick. »Du kennst doch meinen Dad.«

Ich hebe den Kopf, um ihn anzuschauen. »Ja, aber … Deutschland? Komm schon, das willst du doch selbst nicht. Wie willst du denn das letzte Schuljahr ohne mich überleben?«

»Glaubst du, das überzeugt ihn?« Er grinst mich an, aber das Grinsen erreicht seine Augen nicht. Wenn Stewart sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es schwer, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Ich lehne mich fröstelnd wieder an ihn. »Wir brauchen einen wasserdichten Plan.«

»Jepp«, murmelt er und presst seine Lippen an meine Stirn, während er über meinen Oberarm reibt, um mich aufzuwärmen. Ich schließe die Augen, genieße die Geborgenheit seiner Berührung, bis mir irgendwann zu kalt wird.

»Wir sollten hinuntergehen. Ich will mich so kurz vor der Hochzeit nicht erkälten.«

»Von der Kälte allein wirst du nicht krank«, erwidert er.

»Dazu braucht es schon mehr als einen unterkühlten Körper.«

Bedeutet das, dass er noch länger so mit mir hier sitzen möchte? Oder versucht er einfach nur, meinen Sorgen mit Wissen zu begegnen? Was auch immer es ist, zurück müssen wir sowieso, weil unsere Wecker morgen viel zu früh klingeln.

Wir stehen auf, gehen zur Feuertreppe und klettern gemeinsam hinab. An meinem Fenster halten wir an. Toby wartet, bis ich hineingeklettert bin. Er lehnt sich an den Fensterrahmen, um sich von mir zu verabschieden. Das ist unser Ritual. Da er eine Etage unter uns wohnt, bringt er mich immer nach Hause.

»Was ist denn hier passiert?«, fragt er und wirft einen Blick in mein Zimmer, in dem es aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

»Eddy«, murmle ich und überfliege das Chaos, das aus Hieroglyphen auf herumliegenden Papierschnipseln, einer halbfertigen Pyramide aus bunten Legosteinen und einer in Klopapier eingewickelten Puppe besteht.

»Nicht schlecht.« Er pfeift leise. »Ich glaube, du hast einen waschechten Archäologen erschaffen.«

»Ich befürchte es auch«, erwidere ich nicht ganz ohne Stolz. »Mal sehen, wie lange seine Leidenschaft dafür anhält. Ich räume jetzt jedenfalls erst mal auf.«

»Brauchst du Hilfe?« Aber da ich weiß, wie er aufräumt, schüttle ich den Kopf. Wenn er mir beim Aufräumen hilft, dauert es mindestens doppelt so lange. Toby muss nämlich jedes Teil erst mal ausgiebig betrachten, bevor ich es ihm schließlich aus der Hand nehme, um es an seinen Platz zurückzustellen.

»Das ist lieb von dir, aber ohne deine Hilfe geht es schneller.« Ich lehne mich aus dem Fenster, um ihn zum Abschied zu umarmen. »Schlaf gut, Toby.«

»Schlaf gut, Lizzie.« Er löst sich von mir und klettert die Feuertreppe weiter hinab. Ich blicke ihm kurz nach, bevor ich das Fenster schließe und mich dem Chaos in meinem Zimmer widme.