Wie rettet man jemanden, der nicht gerettet werden will?

Vor zwei Jahren verbrachten Rose und Jérôme zwei Nächte miteinander, eine Zeit, die keiner von beiden je vergessen hat. Doch so sehr Jérôme ihr Herz auch schneller schlagen lässt – für Rose ist er einer von vielen Fehlern. Immerhin hat Jérôme das Leben eines Menschen beendet.

Als er seine Strafe abgesessen hat und ein neues Leben beginnen will, treffen die beiden wieder aufeinander. Mit ihrem Wiedersehen kehrt auch das Herzklopfen zurück, dennoch steht zu viel zwischen ihnen. Als ein Blizzard sie von der Außenwelt abschneidet, werden sie gezwungen, sich ihren Problemen und Gefühlen zu stellen.

 

ISBN 978-3-95869-3012

Winterrose erscheint im Winter 2017/2018 und kann bereits vorbestellt werden

Leseprobe

KAPITEL 1

Das Glas in meiner Hand beschlägt, weil das Wasser so kalt ist. Ich setze es auf dem Küchentresen ab und wische meine feuchten Hände an dem großen T-Shirt ab, das ich mir vor ein paar Minuten übergeworfen habe.

Mein Blick gleitet zum Bett, zu dem Mann, dessen wohlgeformter Hintern gerade so unter der Decke verschwindet. Sein einer Arm ragt über den Bettrand hinaus, sein Gesicht ist in meinem Kissen vergraben.

Trotzdem ist sein Schnarchen kaum zu überhören. Dass er davon nicht selbst wach wird …

Ich trinke einen Schluck von meinem Wasser und lehne mich gegen die Kühlschranktür, während ich den Schlafenden beobachte. Er muss ein Meister sein – zwar nicht im Frauen befriedigen, aber dafür im Einschlafen nach dem Sex.

Kurz entschlossen stoße ich mich von der Tür ab und gehe auf mein Bett zu. Kurz vor ihm bleibe ich stehen.

Er hört mich nicht und meine Anwesenheit spürt er auch nicht. Man könnte ihm vermutlich zehn Hunde vor die Bettkante setzen und er würde nicht aufwachen, wenn sie ihn stundenlang anstarren.

Mit einem Lächeln auf den Lippen hole ich aus und schüttet das eiskalte Wasser mit einem lauten „Aaaah“ über seinen Rücken. Er schießt hoch, die Panik im Gesicht, als ich gerade „Oh mein Gott, es tut mir so leid, ich bin gestolpert“ kreische. Mein Herz schlägt schneller als noch vor ein paar Minuten, während ich ein Lachen unterdrücke.

„Scheiße, was war das?“ Er fährt sich irritiert über den nassen Rücken. Ich hebe entschuldigend das leere Glas.

„Ich bin gestolpert und hab mein Wasser über dir verschüttet.“ Ganz der Engel, der ich manchmal sein kann, bedenke ich ihn mit einem Augenaufschlag. „Es tut mir so leid“, säusele ich und lege noch eine Schippe drauf. „Ich wollte dich nicht wecken … Thomas.“

„Thomas?“ In seinem Gesicht zeichnet sich erst Verwirrung ab, dann Ungläubigkeit, dann Wut.

„Oh mein Gott“, stottere ich und vergrabe das Gesicht in den Händen. „Nicht Thomas, oder? Wie peinlich!“ Ich tue so, als würde ich überlegen, während Malcolm eilig seine Hose und sein Shirt zusammensucht. „Oh, ich glaub, ich hab’s! Tim, oder?“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt schon mehr als beerdigt. „Ach nein, Tim war der Blonde … glaub ich.“

Er hat seine Sachen an und geht zur Tür.

„Komm schon“, rufe ich ihm hinterher. „Ich hab’s vergessen, was ist schon groß dabei?“

„Was dabei ist?“ Er dreht sich wütend um, um mich anzufahren, doch ihm fehlen die Worte. Gut so. Reden ist nicht gerade seine Stärke.

„Tony?“, frage ich zuckersüß, als er immer noch keine Anstalten macht, meine Wohnung zu verlassen. Das reißt ihn allerdings aus seiner Erstarrung. Er wirft mir noch einen tödlichen Blick zu, bevor er die Tür öffnet, hinausstürmt und sie mit einem lauten Knall ins Schloss fallen lässt.

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich lauthals lachen. Nach Lachen ist mir jedoch nicht zumute. Eher nach Weinen. Aber ich weine nie, also werde ich schon gar nicht wegen eines x-beliebigen Malcolm-Thomas-Tim-Verschnitts damit anfangen. Um den Drang zu unterdrücken, bringe ich mein Glas zur Spüle und mache mich daran, mein Bett abzuziehen. Die Laken riechen noch nach Malcolm – ein herber, männlicher Duft, den ich früher am Abend anziehend genug fand, um mit ihm zu flirten und später mit ihm im Bett zu landen.

Die Idee mit dem Wasser gehörte nicht zu meinen Besten. Normalerweise würde ich mich nämlich einfach zusammenrollen und schlafen, aber jetzt muss ich erstmal mein Bett frisch beziehen. Währenddessen summe ich einen Song aus Cats, der mir seit Nicks Performance heute Abend nicht aus dem Kopf gehen will.

Die alten Laken werfe ich auf einen Haufen vor der Haustür, um sie morgen früh gleich in die Wäscherei zu bringen.

Ich putze mir die Zähne, dusche mich kurz ab, um auch den Rest von Malcolms Geruch verschwinden zu lassen, und schlüpfe dann in das frisch bezogene Bett. Die Laken duften nach Lavendel und erinnern mich an eine kurze Zeit, in der ich wirklich glücklich war. Ich schätze, deswegen mag ich den Duft so gerne.

Ein kurzer Blick auf mein Handy offenbart mir die Uhrzeit. Kurz nach eins. So früh habe ich schon lange keinen Mann mehr rausgeworfen. Noch ein Zeichen dafür, dass der Abend mit Malcolm ein Reinfall war. Ich lege das Handy seufzend auf meinen Nachttisch. Wie automatisch angezogen wandert meine Hand auf den Knauf der Nachttischschublade.

Ich sollte es nicht tun. Zumindest nicht jeden Abend. Es mir abgewöhnen und irgendwann gar nicht mehr daran denken. Aber auch heute ist der Drang zu groß, um ihm nicht nachzugeben.

Also ziehe ich die Schublade auf und hole das dünne Blatt Papier raus, das unter der Berührung meiner Hände schon leicht vergilbt ist. Ich betrachte die Bleistiftzeichnung ausgiebig, studiere die weichen Locken und die einzelnen Härchen meiner Augenbrauen, den Schwung meiner Lippen und lasse meine Fingerspitzen über das Wort gleiten, das er dazu geschrieben hat: Imagine.

Wie so viele Abende zuvor denke ich darüber nach, was das wohl zu bedeuten hat. Zwei Nächte, eine Zeichnung und dieses Wort, das nichts bedeutet und gleichzeitig so viel. Ich fahre den abgerissenen Rand des Papiers nach, bevor ich es zurück in meinen Nachttisch lege, das Licht ausmache und mich tiefer in mein Bettzeug kuschle. Als ich die Augen schließe, blitzen hinter meinen Lidern die Erinnerungen auf.

Ein Kuss im Fahrstuhl.

Ein Drängen gegen die Hoteltür.

Mein Name. Geflüstert, geschrien, geseufzt.

Mit rasendem Herzen öffne ich die Augen wieder und rolle mich zur anderen Seite. Meine Fäuste vergraben sich im Kissen, während ich mit aller Macht versuche, meine Gedanken von ihm wegzulenken. Aber es klappt nicht.

Natürlich nicht.

*

Schweratmend schlage ich die Augen auf. Das Sirenengeheul hat mich geweckt. Ich wische mir über die Mundwinkel und taste nach dem Lichtschalter, um den Raum mit Erleichterung zu fluten.

Nur ein Traum.

Die Bettwäsche klebt an meinen nackten Beinen. Ich strample sie hinunter, kurz verärgert darüber, sie schon gleich nass geschwitzt zu haben, bevor ich aufstehe und zum Fenster gehe. Die Sirene lässt nach. Trotzdem schiebe ich den Vorhang beiseite und vergewissere mich, dass vor meinem Gebäude alles in Ordnung ist.

In New York weiß man das ja nie so genau.

Gegenüber flackert eine Neonreklame. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf, als an der Straßenecke das Ende einer Zigarette aufleuchtet. Ich fixiere den Schatten nervös, bis er die Zigarette schließlich auf den Boden wirft, drauftritt und die Straßenseite wechselt. Er öffnet die Tür zu Jim’s Perfect Blend, einem Coffee-Shop, der vierundzwanzig Stunden geöffnet hat, und verschwindet im Inneren.

Erleichtert lasse ich den Vorhang wieder vor das Fenster gleiten und schalte den Fernseher ein. Der Nachrichtensender zeigt gerade eine Reportage über U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg. Unten im Bild läuft eine Dauerschleife mit den aktuellsten Schlagzeilen. Ich schalte den Ton etwas lauter, um die Stille der Nacht zu füllen, und gehe an meinem Bett vorbei zur Küchenzeile, um mir ein Glas mit Wasser zu füllen. Im Schneidersitz setze ich mich aufs Bett, das Glas in der einen Hand, die Fernbedienung in der anderen. Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen.

Eine Nacht – mehr verlange ich doch gar nicht. Eine einzige Nacht ohne Alpträume.

Ein Knacken lässt mich aufschrecken. Ich schaue mich um. In meinem Ein-Zimmer-Apartment kann mir kaum etwas entgehen, doch das Knacken kann ich trotzdem nicht lokalisieren. Ich halte den Atem an, um besser zu lauschen, während mein Blick zur Tür gleitet. Ich versuche mir einzureden, dass ich nichts zu befürchten habe.

Die Zeiten sind vorbei. Ich bin in Sicherheit.

Wie von selbst tragen mich meine Beine schließlich doch zur Tür. Ich atme tief ein, dann schaue ich durch den Türspion hinaus auf den dunklen Flur.

Er ist leer.

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich schalte meinen Fernseher aus, fest entschlossen, mir nicht noch einmal von einem Knacken Angst einjagen zu lassen. Danach hole ich mir meine Schlaftabletten aus dem Badezimmer, nehme eine davon und spüle sie mit reichlich Wasser hinunter, bevor ich mich zurück ins Bett lege und das Licht ausschalte. Durch einen schmalen Spalt zwischen Fenster und Vorhang fällt immer noch genug Licht in den Raum, um die Umrisse meiner Möbel zu erhellen.

Mein Herz schlägt schnell, als sich meine Fäuste um die Bettdecke ballen und ich mit dem Rücken dicht an die Wand rutsche.

Du brauchst keine Angst haben, flüstere ich mir in Gedanken zu. Aber was das Herz braucht, ist meist nicht das, was der Kopf ihm geben will, und so liege ich wach, den Blick wachsam auf die Tür geheftet, bis die Schlaftablette zu wirken beginnt und ich die Augen kaum noch aufhalten kann.