Glaubst du an Weihnachtswunder?

Kurz vor Weihnachten wird Alina von ihrem Freund abserviert und das, obwohl sie gerade in den Zug steigen wollte, um ihn zu besuchen. Am Bahnhof trifft sie auf Cameron, einen amerikanischen Austauschstudenten, der sich mit einem akkurat gefalteten Stofftaschentuch einen Weg in ihr Herz erschleicht.

Er entführt sie in ein magisches Münster, voll mit Weihnachtsmärkten, gebrannten Mandeln und schiefen Popsongs, bis ihr das Leben plötzlich wieder leicht erscheint. Es könnte alles so perfekt sein, wenn da nicht dieses Geheimnis wäre, das Cameron mit sich herumträgt.

 

Exklusiv über Amazon erhältlich. KU-Kunden lesen kostenlos.

Leseprobe

ERSTER TAG

May your days be merry and bright.

 

Die Worte verschwimmen vor meinen Augen. Ich atme tief durch den Mund ein und spüre meinen ganzen Körper erbeben. Mein ausgestoßener Atem bildet weiße Wölkchen, die in der Luft hängen bleiben.

Nicht weinen, ermahne ich mich. In der Öffentlichkeit zu weinen ist etwas für schwache Menschen. Für Menschen, die emotional sind und sich nicht unter Kontrolle haben. Hier stehen zu viele Leute herum. Niemand von ihnen soll mich weinen sehen.

Aber es ist sinnlos. Die erste verräterische Träne bahnt sich ihren Weg über meine eiskalte Wange, bevor ich überhaupt vollständig realisiert habe, dass es wirklich aus ist. Ich hebe die Hand, um meine Wange mit dem Handschuh zu trocknen, damit keiner meine Tränen bemerkt.

Der Kerl neben mir bewegt sich. Keine zwei Sekunden später hält er mir ein weißes Stofftaschentuch hin.

Argwöhnisch schaue ich ihn an. Die Kopfhörer, die eben noch in seinen Ohren gesteckt haben, baumeln nun lose von seinem Hals und geben einen Beat von sich, der mir nicht bekannt vorkommt. Seine grüne Jacke mit dem dicken Kragen hat er so weit hochgezogen, dass zwischen Jacke und Mütze bloß seine braunen Augen hervorlugen und mich neugierig anblinzeln.

Plötzlich verlegen nehme ich das akkurat gefaltete Taschentuch entgegen und trockne mir damit die Wangen.

„Danke.“ Ich versuche krampfhaft, die Tränen hinunterzuschlucken und ihm ein dankbares Lächeln zu schenken. Es fühlt sich an wie eine Grimasse.

Er öffnet den Reißverschluss seiner Jacke und entblößt den Rest seines Gesichts. Er kann kaum älter sein als ich, ein Student wahrscheinlich, mit freundlichen Zügen und einer spitzen Nase. Er scheint mich nicht für meine Tränen zu verurteilen. Zumindest zeigt er es nicht. Wenigstens ein Mann auf dieser Welt hat so kurz vor Weihnachten noch Taktgefühl.

„Ich glaube, ich kenne niemanden, der noch Stofftaschentücher benutzt.“ Ich versuche, ihn von meinen Tränen abzulenken, in dem ich ihm ein Lächeln entlocke. Und tatsächlich. Dabei zeigt er eines dieser Lächeln, die zu schief für Zahnpastawerbung sind, aber gerade genug, um das Herz zu erwärmen.

„Ich habe immer eins dabei. Nur für den Fall.“

„Nur für den Fall, dass du auf weinende Frauen triffst?“

„So in etwa.“ Seine Stimme ist einladend und dunkel und trägt einen englischen Akzent. Er deutet auf das Gleis vor uns, das längst unter Schnee begraben sein müsste. Es wundert mich, dass die Tafel noch keine Verspätung angezeigt hat. „Also wohin geht die Reise?“

„Eigentlich nach München, aber das hat sich gerade erledigt.“ Ich atme tief ein und versuche, die Tränen mit aller Macht zu unterdrücken. Sicher hat er keine Lust, seine Zeit damit zu verschwenden, meine Tränen zu trocknen.

„Und du?“, schiebe ich schnell hinterher, damit er gar nicht erst auf die Idee kommt, nachzufragen. „Wo willst du hin?“

„Zum Düsseldorfer Flughafen. Ich hoffe, noch einen Last-Minute-Flug nach New York zu bekommen.“

„New York?“

„Ja, ein Teil meiner Familie verbringt die Weihnachtstage dort.“ Er verzieht den Mund zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreicht. „Eigentlich wollte ich die Feiertage hier verbringen, aber …“

„Heimweh?“, frage ich, auch wenn es irgendwie nicht so wirkt. Ich spiele mit den Enden des Taschentuchs, als unser – also jetzt nur noch sein – Zug angekündigt wird. Die Menschen um uns herum werden hektisch.

„Ein bisschen“, gibt er zu und senkt den Kopf, als würde er sich dafür schämen. „Ich habe sie fast ein Jahr nicht gesehen.“

„Dann wünsche ich dir viel Glück.“ Ich schaffe ein ernst gemeintes Lächeln, bevor ich fragend das Taschentuch hebe. Was sagt da die Etikette? Gewaschen zurückgeben? Neu kaufen?

„Du kannst es behalten und mir zurückgeben, wenn ich wieder da bin.“ Er blinzelt mir lächelnd zu, bevor er aufsteht, um seinen Rucksack zu schultern.

Quietschende Bremsen kündigen die Einfahrt des Zuges an und ich begleite ihn zur Bahnsteigkante. Sein Blick ruht auf mir. Als ich zu ihm hochsehe, fühlt es sich an, als würde ein kleiner Stromschlag mein gebrochenes Herz weiter aufreißen. Sofort spüre ich den Kloß in meinem Hals wieder anschwellen.

Wie traurig es ist, dass ich ihn nicht besser kennenlernen kann. Wahrscheinlich werden wir uns nie wiedersehen.

Der Zug kommt stotternd zu einem Halt.

„Schätze, das heißt auf Wiedersehen.“ Er verzieht die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Lass den Kopf nicht hängen.“

„Ja.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein Hauchen. Irgendwie hat es mir die Sprache verschlagen.

„Wie heißt du denn eigentlich?“

„Alina.“

Er nickt, als würde ihn diese Antwort irgendwie zufriedenstellen, und reicht mir seine Hand. „Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Alina.“

Dann ist er plötzlich weg und ich stehe allein zwischen Familien und Paaren, die sich freudestrahlend begrüßen. In ihren Augen glitzert die Vorfreude auf die gemeinsamen Feiertage, ihre Taschen sind gefüllt mit Geschenken.

Ich drehe mich um, schnappe mir meinen Koffer mit den Geschenken, die ich nun nicht mehr gebrauchen kann, und zerre ihn zur Rolltreppe. Das heißt dann wohl, dass ich die Feiertage damit verbringen werde, mein Zimmer von den ganzen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit zu befreien. Wer ist so gemein und macht so kurz vor Weihnachten Schluss? Und dann auch noch per SMS?

Die Tränen verschleiern meine Sicht, so dass ich unten angekommen fast stolpere. Das Taschentuch fällt in eine Pfütze aus Schneematsch und sorgt für eine neue Ladung heißer Tränen. Mein einziges Weihnachtsgeschenk und ich ruiniere es in den ersten zehn Minuten. Klasse. Ich hebe es auf und stopfe es mit spitzen Fingern in meine Jackentasche.

„Alina!“ Jemand ruft meinen Namen. Ich gehe weiter, ohne mich umzudrehen. Die Wahrscheinlichkeit ist gigantisch, dass derjenige sowieso nicht mich meint.

„Alina, warte!“

Jetzt bleibe ich doch stehen, denn die Stimme kommt mir bekannt vor. Amerikanischer Akzent … Sofort drehe ich mich um. Mein Herz galoppiert los. Das kann er unmöglich ernst meinen!

Mein namenloser Taschentuchschenker steht auf dem untersten Treppenabsatz und hebt entschuldigend die Arme, bevor er die letzten Stufen nimmt und vor mir stehen bleibt.

„Was machst du denn?“ Mein Herz pocht immer noch hart gegen mein Brustbein, doch ich rede mir ein, dass ich nur so aufgeregt bin, weil der ganze Tag bisher ein Reinfall gewesen ist.

„Ich konnte dich nicht so zurücklassen.“ Er lacht über seine verrückte Aktion. „Also bin ich wieder ausgestiegen. Morgen gehen auch noch Flüge raus.“

„Wow, das ist …“ Ich weiß nicht, ob ich vor Freude im Kreis springen oder ihm sagen soll, gefälligst in den nächsten Zug zu steigen, um Weihnachten pünktlich zu beginnen. „Ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Wirklich, du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde einfach den Fernseher einschalten, gekaufte Kekse essen und mir an Heiligabend eine Tiefkühlpizza machen … Mir geht’s gut.“

Mein Körper ist ein Betrüger, weil mir meine Worte gleich die nächsten Tränen in die Augen treiben. Das muss auf der Stelle aufhören. Ich bin eine erwachsene Frau und kein kleines Mädchen mehr.

„Wusstest du, dass ‚mir geht’s gut‘ die größte Lüge überhaupt ist?“ Er hebt spöttisch die Augenbraue. „Aber ich lasse sie dir durchgehen, wenn du dafür mit mir einen Burger essen gehst. Ich sterbe vor Hunger.“

„Und das wollen wir ja nicht“, murmele ich, unsicher, was ich zu diesem Angebot sagen soll.

Ich kenne ihn kaum, aber vielleicht gibt es ja so etwas wie Schicksal, das uns an diesem Nachmittag zusammengeführt hat. Wem würde schon ein gemeinsames Abendessen schaden? Mir ganz sicher nicht. Die Alternative ist nämlich nicht gerade berauschend.

„Aber ich kenne dich nicht einmal. Was, wenn du ein Schwerverbrecher bist?“, werfe ich ein. Immer diese verdammten Zweifel.

Daraufhin öffnet er seine Jacke und zieht die Mütze ab, um sie sich vor die Brust zu halten. Seine hellbraunen Haare stehen in alle Richtungen ab, als er sich leicht verbeugt.

„Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, Miss.“ Er greift nach meiner Hand und deutet einen Handkuss an. „Vor Ihnen steht Cameron Barnaby Jones, 24, unschuldiger und hungriger Medizinstudent, der einer traurigen Frau gerne einen Burger spendieren möchte. Darf ich bitten?“

Mir entweicht ein undamenhaftes Kichern, als er sich wieder aufrichtet. Seine Hand hält meine immer noch und sein Blick bittet mich, ihm eine Chance zu geben, aber ich kann nur an eins denken: „Cameron Barnaby Jones? Wirklich?“

„Glaubst du, so etwas kann man sich ausdenken?“

Er grinst und ich lache schniefend.

„Cam. Meine Freunde nennen mich alle Cam.“

„Also dann, Cam, gibt es zum Burger auch eine Cola?“

„Was immer Sie wünschen, Miss.“

Solltest du die Geschichte lesen wollen, aber kein Kindle-Gerät zur Hand haben, melde dich bitte über das Kontaktformular bei mir.