Liliennächte – How to Be Happy 1

Nach dem Tod ihrer Mutter sieht sich die 19-jährige Lilian gezwungen, von Deutschland zu ihrem fremden Vater nach New York zu ziehen. In einer WG mit Jamie, dem Nerd mit Schokoladenaugen, und Ash, dem verletzlichen Draufgänger, merkt sie allerdings, dass sie genau das braucht: Ein neues Leben. Zwischen Sonnenaufgängen und Tänzen bei Kerzenschein findet sie ihre Freude wieder – und die große Liebe. Jedoch ändert sich alles, als sie feststellt, dass nicht nur ihre Mitbewohner, sondern auch ihr Vater ein großes Geheimnis hüten.

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ISBN: 9783958695528
Klappbroschur
12,90€

Zuvor bereits unter dem Titel „Love, Kiss, Cliff“ bekannt, wurden „Liliennächte“ und die Nachfolgebände nun vom Amrûn Verlag übernommen.

Eine exklusive Hörprobe findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=gELQovCy5H0




 Leseprobe

„Ich denke, du solltest das grüne Hemd nehmen“, sage ich immer noch atemlos.

Er sieht mich mit leuchtenden Augen an. „Ich weiß ja nicht, ob ich überhaupt auf deinen Rat hören sollte. Immerhin trägst du Superheldenunterwäsche.“

Ich verenge meine Augen zu Schlitzen. „Damit kannst du mich nicht ärgern.“

„Ach nein?“

„Nein.“ Ich drehe mich zur Seite, um ihn besser ansehen zu können. „Ich habe beschlossen, mich nicht mehr darüber zu ärgern. Immerhin trägst du selber Superman.“

„Dann muss ich mir ja was Neues einfallen lassen“, erwidert er und verzieht das Gesicht zu einer belustigten Grimasse, bevor er sich aufrichtet, um das T-Shirt auszuziehen und in das grüne Hemd zu schlüpfen, von dem ich gesprochen habe. Er knöpft es mit geschickten Fingern zu und richtet den Kragen vor dem Spiegel, der an der Innenseite seiner Schranktür hängt. Dann dreht er sich zu mir und breitet die Arme aus.

„Und?“

„Grün steht dir.“ Mit seinem Dreitagebart und den verwuschelten Haaren sieht er unverschämt gut aus. Er hat zwar keine perfekte Nase und eine dünne Narbe am Kinn, aber wenn er lächelt ist es, als würde man ein Licht anknipsen. Ein Glück, dass er wenigstens eine Brille trägt. Sonst würden die Mädchen der Reihe nach ihr Herz an ihn verlieren. „Ich bin mir sicher, dass Keira dir nicht widerstehen kann.“

Ich lächle ihm zu, aber tief in meinem Inneren spüre ich, dass ich das Lächeln nicht ernst meine. Keira ist nicht sein Typ. Sie ist zwar nett und hübsch, aber sie … Ich kann mir die beiden einfach nicht zusammen vorstellen. Plötzlich befürchte ich, dass Keira ihm das Herz brechen wird.

„Was ist los?“, reißt er mich aus meinen Gedanken.

„Nichts.“ Ich schüttle den Kopf und versuche, nicht mehr daran zu denken. Was geht es mich an, ob aus den beiden ein Paar wird? Es ist ja nicht so, als würde ich Jamie in- und auswendig kennen. Vielleicht ist Keira genau das, was er braucht.

Ich klatsche in die Hände und stehe auf. „Okay, noch ein paar Lektionen in Sachen Flirten. Fangen wir mit der richtigen Begrüßung an. Stell dir vor, ich bin Keira. Wie würdest du mich begrüßen?“

Jamie vergräbt die Hände in den Taschen seiner Sporthose.

„Ehm … hi“, sagt er fragend, zieht dabei die Schultern hoch und schaut mich verlegen an.

„Hast du Angst vor Keira?“, frage ich belustigt. „Du siehst aus, als würdest du dir gleich in die Hose machen. Wenn du willst, dass sie dir ihre Aufmerksamkeit schenkt, musst du selbstsicher sein. Du bist ein toller Typ. Sie sollte froh sein, dass du dir Zeit für sie nimmst. Klar?“

Er nickt und lässt die Schultern fallen.

„Okay, dann versuch es nochmal.“

Er denkt kurz darüber nach, dann breitet sich auf seinem Gesicht ein strahlendes Jamie-Lächeln aus und er streckt mir die Hand entgegen.

„Keira!“ Er ruft ihren Namen, als hätte er sie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen.

„Nein“, rufe ich entsetzt. Er lässt den Arm fallen. „Das ist doch nicht deine Geschäftspartnerin. Wenn du mehr als ein nettes Gespräch willst, solltest du sie zur Begrüßung umarmen. Sie hat dich auf der Party auch umarmt, also fall jetzt bloß keinen Schritt zurück.“

Jamie nickt und macht ein paar Schritte auf mich zu, bis er kurz vor mir zu einem Halt kommt. Seine braunen Augen gleiten über mein Gesicht.

Sofort schwingt die Stimmung um.

„Hey“, flüstere ich.

***

„Hey.“ Er lächelt mich an und breitet die Arme aus, um mich in den Arm zu nehmen. Genauso ungelenk, wie er es auch gestern schon mit Keira gemacht hat.

„Jamie, wann hast du das letzte Mal ein Mädchen umarmt?“, hake ich nach, während wir in dieser merkwürdigen Position verharren.

„Gestern?!“

„Abgesehen von gestern.“

„Keine Ahnung. Wieso?“

„Hast du Berührungsängste?“

„Nein!“

„Dann umarm mich gefälligst richtig.“

Er zögert einen Augenblick, dann spüre ich, wie er sich entspannt und seine Hände über meinen Rücken gleiten. Ich schiebe meine Hände enger um seinen Hals, bis mein Kopf an seiner Halsbeuge zu liegen kommt. Der Geruch seines Aftershaves steigt mir in die Nase.

„So?“, haucht er mir ins Ohr.

Eine Gänsehaut jagt über meinen Rücken. Ich kann ihn überall spüren. Die harten Konturen seiner Brustmuskeln, die weiche Haut an seinem Hals, die Bartstoppeln, die über meine Stirn kratzen.

Seine Hände, die mich halten, als wäre ich eine Wolke kurz vor dem Regenguss.

Meine Antwort kommt so heiser und schwach, dass ich nicht weiß, ob er mich überhaupt verstanden hat. Er hält mich noch einen Augenblick länger, dann löst er sich langsam aus der Umarmung. Ich senke verlegen den Blick, bis mein Herz aufhört zu rasen.

Ich räuspere mich leicht. „Bei der Begrüßung solltest du sie natürlich nicht so lange halten.“

„Natürlich.“ Seine Stimme klingt belegt und als ich ihn anschaue, sehe ich ein Funkeln in seinen Augen, das ich nicht deuten kann.

„Okay.“ Ich atme tief ein und aus und versuche mich daran zu erinnern, was ich ihm noch beibringen wollte. „Also, wenn ihr essen geht, hältst du ihr die Türen auf und hilfst ihr beim Hinsetzen. So wie du es aus Filmen kennst. Darauf stehen die Frauen.“

Er nickt verständig.

„Gut.“ Ich bin immer noch ganz durch den Wind und fahre mir durch die offenen Haare. Dann fällt mir etwas ein, was ich ihm unbedingt noch erklären muss. „Setz dich.“

Ich deute auf das Bett und als er sich hinsetzt, lasse ich mich gegenüber von ihm auf die Decke fallen.

„Was machst du, wenn das passiert?“, frage ich und ziehe den Saum meines T-Shirts so weit herunter, dass mein Ausschnitt gut sichtbar wird. Dann verschränke ich die Arme unter der Brust und drücke meine Brüste so ein wenig weiter hoch. Wie erwartet wandert Jamies Blick abwärts.

Ich sehe seinen Adamsapfel hüpfen, als er schluckt.

„Das sind nicht meine Augen, Jamie“, necke ich ihn und er richtet sofort den Blick auf mein Gesicht. Röte steigt ihm in die Wangen.

„Erzähl mir etwas“, fordere ich ihn auf, während ich mich etwas räkele, sodass er eine gute Sicht auf meinen Oberkörper hat. „Und schau mir dabei ins Gesicht.“

„Ich … Tut mir leid. Oh Gott, ist das peinlich. Und unfair. Du willst ja nur, dass ich hinstarre.“ Er versucht, sich zusammenzureißen. „Also gut. Worüber soll ich denn mit ihr reden?“

Ich mache ihm ein paar Vorschläge, aber versichere ihm, dass er mit Keira keine Probleme haben wird. Sie wird sicher einige Themen haben, bei denen er mitreden kann. Es dauert nicht lange, bis ihn mein Ausschnitt überhaupt nicht mehr interessiert und wir stattdessen in eine hitzige Diskussion über das Erwähnen seiner Comics vertieft sind.

„Aber doch nicht beim ersten Date“, rufe ich verzweifelt.

„Sie muss doch wissen, worauf sie sich einlässt.“

„Erstmal muss sie dich so sehr mögen, dass sie nicht schreiend davonläuft, weil du Comics sammelst und T-Shirts mit Aufdruck trägst.“

 Er runzelt die Stirn. „Warum sollte jemand davonlaufen, nur, weil ich Comics sammle?“

Darauf weiß ich allerdings auch keine Antwort. Ich würde jedenfalls bleiben, aber ich bin mir sicher, dass es genug Mädchen gibt, die Comic-Sammlungen nicht cool finden. Und Keira ist bestimmt eine von ihnen.

„Ich würde es ihr einfach noch nicht sagen. Vertrau mir da einfach, okay?“ Ich strecke eine Hand aus und lege sie auf seine, um sie kurz zu drücken. Er gibt nach und nickt. „Ich glaube, du bist jetzt perfekt ausgebildet.“

„Meinst du, ich habe eine Chance bei ihr?“ Er beißt sich nachdenklich auf die Lippe.

Plötzlich wird es mir alles zu viel und ich rutsche vom Bett, um aufzustehen. Ich versuche seinen Blick zu meiden, doch diesen Schokoladenaugen kann man nicht widerstehen.

„Sie wäre blöd, wenn sie dich nicht mag“, sage ich schließlich und zwinge mich zu einem Lächeln. Dann drehe ich mich um und öffne die Türe.

„Lily?“

„Ja?“ Ich halte mit pochendem Herzen inne, doch ich traue mich nicht, zu ihm zu sehen, damit er nicht sieht, wie die irre Hoffnung auf seine Zuneigung gerade in meinem Inneren tobt.