Ascheblüte – How to Be Happy 2

Vor fast zwei Jahren hat Ash New York verlassen und ist nach Toronto gezogen, um dort sein Glück zu finden. Seine Geschichte hat er in einem Buch verarbeitet, das zum Bestseller geworden ist. Seitdem leidet er an einer Schreibblockade und bringt nichts Neues zustande. Als sein Verlag in Gestalt von Camille einen neuen Roman fordert, bucht er spontan ein Ticket nach Irland, um das zu tun, was er am besten kann: Davonlaufen.

Camille bekommt die Chance ihres Lebens: Um sich einen Job im Lektorat zu sichern, soll sie Ash zu einem neuen Buch überreden. Als er ein Ticket nach Irland bucht, folgt sie ihm kurzerhand. Denn nur mit seiner Hilfe kann sie sich aus ihrer persönlichen Hölle befreien.

ISBN: 9783958695511
Klappbroschur
12,90 €

 

Zuvor bereits unter dem Titel „Ascheregen“ bekannt, wurden „Ascheblüte“ und die Nachfolgebände nun vom Amrûn Verlag übernommen.


Leseprobe

Ein Klopfen an meiner Wohnungstür reißt mich aus meinen Gedanken. Verwundert stehe ich auf. Vielleicht sind Megan von nebenan mal wieder die Vorräte ausgegangen.

Aber als ich die Tür öffne, steht nicht Megan vor mir, sondern eine kleine, blonde Frau. Sie wippt nervös auf den Fußballen und umklammert ihre große, blaue Handtasche so fest, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortreten.

„Mr Parker?“, fragt sie und hebt den Blick, um mich aus unnatürlich blauen Augen anzuschauen. Ihre Augen lenken mich so sehr ab, dass mir zuerst gar nicht bewusst wird, dass ich die Stimme längst kenne. Erst als sie mir ihre Hand entgegenstreckt und sich als Camille Dubois vorstellt, wird mir klar, dass ich ihre Willensstärke unterschätzt habe.

Ich ignoriere ihre Hand, auch wenn ich sie wirklich gerne ergriffen hätte.

„Was wollen Sie hier?“, blaffe ich sie an.

„Ich möchte nur mit Ihnen sprechen.“ Sie presst die Lippen unsicher aufeinander, dabei fällt mir auf, dass sie gar keinen Lippenstift trägt, sondern ihre Lippen natürlich gerötet sind, als hätte sie zulange darauf herumgekaut. An ihrer Unterlippe ist eine Kruste.

„Ich möchte nicht reden“, erwidere ich. „Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden.“

„Das verstehe ich.“ Sie hebt eine Hand und streicht ihren Pony aus dem Gesicht. Ist das eine Beule?

Ich verschränke die Arme vor der Brust, bevor ich noch auf die Idee komme, ihr hübsches Gesicht näher zu untersuchen. „Ich verstehe das wirklich, Mr Parker. Es ist nur so, dass ich wenigstens alles versuchen muss, was in meiner Macht steht. Bitte begleiten Sie mich zum Abendessen.“

„Sie haben ganz schön Nerven, vor meiner Haustür aufzutauchen, Miss Dubois.“ Ich schüttele den Kopf. Wenn ich sie nicht abschrecke, werde ich vielleicht doch noch schwach. „Ihnen ist sicher klar, dass das als Belästigung ausgelegt werden kann? Sie sollten besser gehen, bevor ich die Polizei rufe.“

Sie öffnet überrascht die Lippen, aber es kommt kein Ton heraus. Resigniert lässt sie die Schultern fallen und in dieser Geste liegt so viel mehr, als die Enttäuschung darüber, dass es kein weiteres Buch von mir geben wird. Es wirkt fast so, als hätte sie all ihre Hoffnungen in mich gesetzt.

„Haben Sie einen schönen Urlaub“, sagt sie schließlich, dann dreht sie sich um und geht den Flur entlang zum Treppenhaus. Ich blicke ihr noch einen Moment hinter, beobachte, wie unsicher sie läuft, fast so, als hätte sie Schmerzen. An der Ecke bleibt sie stehen und holt etwas aus ihrer Tasche. Es ist ihr Handy. Sie steckt sich die Kopfhörer in die Ohren und strafft die Schultern, bevor sie ins Treppenhaus verschwindet.

Einerseits hoffe ich, dass ich zum letzten Mal von ihr gehört habe, andererseits haben die wenigen Augenblicke gereicht, um mich neugierig zu machen. Kopfschüttelnd schließe ich die Tür und mache mich nach einem Blick auf die Uhr fertig, um Joey zu besuchen und ihm von meinen Urlaubsplänen zu erzählen. Ich wechsle mein T-Shirt gegen ein blaues Hemd und die Sporthose gegen eine dunkle Jeans, dann wasche ich mein Gesicht und style meine Haare.

Zufrieden mit meinem Äußeren stecke ich meine Brieftasche, mein Handy und meine Schlüssel in meine Hosentaschen und verlasse die Wohnung. In Gedanken bin ich immer noch bei Dubois, deswegen erschrecke ich mich umso mehr, als ich die erste Treppe hinter mir lasse, um die Ecke biege und ihren blonden Schopf vor mir sehe.

„Sie sind ja immer noch hier“, sage ich schärfer als beabsichtigt und fasse mir an mein rasendes Herz. Sie sitzt auf der untersten Treppenstufe und lehnt den Kopf an die Wand. Als sie meinen Ausruf hört, zieht sie ihre Kopfhörer aus den Ohren und dreht sich um. Sie schaut mich überrascht an. „Was zum Teufel machen Sie in meinem Treppenhaus?“

„Ich …“ Sie blinzelt. „Entschuldigung, ich … ich konnte einfach noch nicht … ich …“

Ich lehne mich gegen das Treppengeländer und starre auf sie herab, immer noch auf eine Erklärung wartend. Eigentlich sollte ich die Polizei rufen, immerhin habe ich sie heute schon oft genug gebeten mich in Ruhe zu lassen, aber irgendetwas an ihr lässt mich zögern. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie so hilflos und unschuldig aussieht.

Sie versucht aufzustehen, verzieht das Gesicht und lehnt sich keuchend gegen die Wand. Es kostet mich all meine Beherrschung nicht sofort zu ihr zu springen und sie zu fragen, warum sie solche Schmerzen hat. Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht mit ihr und ich wäre ein richtiger Mistkerl, wenn ich sie jetzt stehenlassen würde, wo sie ganz offensichtlich Hilfe benötigt. Aber wenn ich nun Mitgefühl zeige, werde ich sie sicher nie wieder los. Zwiespältig überlege ich, was ich tun soll.

„Ach, scheiß drauf“, murmele ich und nehme die paar Treppenstufen in wenigen Schritten, bis ich bei ihr bin. Sie zuckt zusammen, als mein Schatten neben ihr auftaucht.

„Ich bin schon weg, Mr Parker. Es tut mir leid, Ihnen solchen Ärger bereitet zu haben.“ Sie hebt abwehrend die Hände.

„Soll ich Sie in ein Krankenhaus bringen?“, frage ich, ohne ihre abwehrende Haltung zu beachten. Es tut mir in der Seele weh, jemanden so leiden zu sehen. „Kann ich Ihnen etwas aus der Apotheke holen? Oder Ihnen sonst irgendwie helfen?“

„Mir geht’s gut.“ Ihr Blick verhärtet sich. „Ich muss jetzt wirklich los.“

Wenn sie denkt, dass ich sie so gehen lasse, hat sie sich geirrt. Ich folge ihr den letzten Absatz hinunter und durch die Haustür ins Freie. Da ich mitten in der Stadt wohne, empfängt uns sogleich der Lärm des Feierabendverkehrs. Wenigstens regnet es gerade nicht.

„Mein Auto steht gleich dort drüben. Ich bringe Sie gerne nach Hause“, schlage ich vor, um sie nicht weiter zu bedrängen, gleichzeitig aber eine Möglichkeit zu haben, mehr über sie herauszufinden.

„Danke, ich laufe lieber.“ Stoisch richtet sie ihren Blick auf den Fußweg. Ich folge ihr.

„Eben wollten Sie noch mit mir Essen gehen“, sage ich, ratlos, wie ich sie überzeugen kann, sich von mir helfen zu lassen. Ich laufe ein Stück schneller als sie und stelle mich vor sie, damit sie stehen bleibt und mich wenigstens ansieht.

„Alors … Mir ist der Appetit vergangen.“ Sie hebt nicht einmal den Blick, als sie einen Bogen um mich macht und weiterläuft. „Abgesehen davon haben Sie bereits klargestellt, dass ein Essen sinnlos wäre.“

Frustriert schnaufe ich auf. In den letzten Monaten habe ich vergessen, wie kompliziert Frauen sein können. „Lassen Sie sich wenigstens von mir nach Hause bringen, Miss Dubois. Es sieht aus, als würde es gleich regnen und Sie haben Schmerzen.“

„Ich habe keine Schmerzen.“

„Ach wirklich?“ Ich laufe neben ihr her und versuche, aus ihrem Gang zu deuten, was genau ihr wehtut. „Jeder Idiot sieht, dass Sie Schmerzen haben. Ich tue Ihnen schon nichts, ich möchte bloß, dass Sie sicher Zuhause ankommen.“

Sie lacht auf. Irritiert stelle ich fest, dass sie etwas an meiner Aussage unglaublich witzig findet, und das macht mich fuchsteufelswild. Ich will ihr doch bloß helfen. Wieso lacht sie mich aus? Sehe ich so finster aus, dass sie nicht glauben kann, dass ich ihr nichts Böses will?

„Camille, richtig?“ Ich stelle mich noch einmal vor sie. Sie bleibt abrupt stehen und ich nutze die Gelegenheit, um nach ihrer Hand zu greifen, die sie mir sofort wieder entzieht. „Nur, weil ich kein neues Buch schreiben möchte, heißt das nicht, dass ich Ihnen nicht helfen will.“

Mir fallen die blassen Sommersprossen auf ihren Wangen auf, bevor sie den Blick hebt und mich prüfend anschaut. Ich verziehe die Lippen zu einem unsicheren Lächeln. „Lassen Sie sich nach Hause fahren, Camille.“

„Bien.“ Sie atmet aus und in ihren Augen blitzt es kurz auf. „Aber nur, wenn Sie sich morgen Abend mit mir zum Essen treffen.“

Sie kann von Glück reden, dass ich Mitleid mit ihr habe und tatsächlich zustimme, auch wenn ich mich später darüber ärgern werde. Aber in diesem Augenblick würde ich alles dafür tun, damit sie nicht mehr so gequält aussieht.

Ich führe sie zu meinem Wagen, einem alten Ford Mustang, den ich schon fahre, seit ich aus Kalifornien geflüchtet bin, und helfe Miss Dubois ins Auto. Dabei gleitet mein Blick zu ihrer Hand, die sich an den Türgriff klammert und mir fällt das dünne, goldene Band um ihren Ringfinger ins Auge.

Verheiratet.